05.02.2013

Benedikt XVI. über Glaube, Hoffnung und Liebe

Die ganz großen Drei

Es ist ein Klassiker bei kirchlichen Trauungen: das hohe Lied der Liebe, mit dem Paulus erläutert, worauf es im Leben eines Christen letztlich ankommt: auf Glaube, Hoffnung, Liebe. Es tut gut, sich noch einmal bewusst zu machen, was die Grundlage eines christlichen Lebens ausmacht.

Ursprünglich hätte sie jetzt im Januar erscheinen sollen: die geplante Enzyklika des Papstes über den Glauben. Nun wird seine Trilogie zu den göttlichen Tugenden wohl erst im Laufe dieses Jahres komplettiert. Anfang 2006 veröffentlichte Benedikt XVI. sein erstes Rundschreiben „Deus caritas est“ über die Liebe; Ende 2007 folgte das zweite „Spe salvi“ über die Hoffnung.
Eine Enzyklika ist oft nicht einfach zu lesen. Doch was der Theologenpapst über die Liebe, über die Hoffnung und den Glauben sagt, schildert gut, mit welcher inneren Haltung Christen leben dürfen und leben können.
Diese Haltung könnte man sich auch mit einer Art Körperübung bewusst machen: Im Glauben an Gott stehe ich mit meinen Füßen auf festem Grund, werde aufgefangen, falls ich falle. Mit der Hoffnung werfe ich eine Art Enterhaken aus, um mich damit nach oben und vorne zu ziehen oder mich ziehen zu lassen. Die dritte christliche Grundhaltung, die Liebe, ist wie ein Brennen und Leuchten, das aus dem Inneren heraus wärmt und strahlt. Gleichzeitig umfängt, erhellt und wärmt es denjenigen, der geliebt wird.
„Am größten ist die Liebe“, schreibt Paulus. Ihn zitiert der Papst in seiner ersten Enzyklika und nennt den Text aus dem 1. Korintherbrief „die Magna Charta allen kirchlichen Dienens“. In diesem Hymnus sei schon alles zusammengefasst, was er mit dem Rundschreiben entfalten will: Was Gottes Liebe ist, mit der er die Menschen beschenkt, und wie diese die Liebe erwidern und weitergeben sollen.
Die Enzyklika beginnt mit einem Zitat aus dem ersten Johannesbrief: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ Dieser Satz ist sozusagen die Grundformel, das E=mc2 christlicher Existenz. „Wir haben der Liebe geglaubt: So kann der Christ den Grund-entscheid seines Lebens ausdrücken“, schreibt der Papst.
Um das viel gebrauchte und missbrauchte Wort „Liebe“ zu klären, erläutert Benedikt XVI. verschiedene Dimensionen und Reifegrade der Liebe, die auch mit den griechischen Wörtern „eros“ und „agape“ ausgesagt werden. Sie lassen sich gut in der Liebe zwischen Frau und Mann ablesen, mit der Israels Propheten die oft leidenschaftliche Liebe zwischen Gott und seinem Volk beschrieben haben.

Mit dem Eros fängt es oft an

„Wenn Eros zunächst vor allem verlangend, aufsteigend ist — Faszination durch die große Verheißung des Glücks —“, schreibt Benedikt XVI., „so wird er im Zugehen auf den anderen immer weniger nach sich selber fragen, immer mehr das Glück des anderen wollen … für ihn da sein wollen.“ Das ist der Moment der Agape. Bleibt sie aus, verfällt der Eros). „Umgekehrt … kann (der Mensch) nicht immer nur geben, er muss auch empfangen. Wer Liebe schenken will, muss selbst mit ihr beschenkt werden.“
Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten, die Jesus fordert, sind nicht zwei Gebote, sondern nur eines. Wer Gott, den man nicht sieht, lieben will, kann das nur, indem er den Nächsten liebt. Mystik hin und Theologie her: Wer den Nächsten nicht mit liebendem Herzen sieht, sieht auch Gott nicht.
Zudem ist „Liebe nicht bloß Gefühl“, Gefühle kommen und gehen. „Das Gefühl kann eine großartige Initialzündung der Liebe sein.“ Dann aber muss sie wachsen. Liebe – ob zu Gott, zum Partner, zum Kind, zum Nächsten – „ist niemals ‚fertig‘ und vollendet; sie wandelt sich im Lauf des Lebens, reift und bleibt sich gerade dadurch treu“, schreibt der Papst.
Das, so der Papst weiter, hat Folgen für das gesellschaftliche Engagement der Kirche. Ob Christen als einzelne handeln, als Mitarbeiter einer sozialen Organisation oder als Politiker – immer auch soll diese Grundhaltung durchscheinen, selbst in der allergerechtesten Gesellschaft. Nie aber darf Liebe Mittel für andere Zwecke sein, auch nicht für missionarische: „Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann es recht ist, von ihm zu schweigen“, schreibt der Papst. „Er weiß, dass Gott Liebe ist und gerade dann gegenwärtig wird, wenn nichts als Liebe getan wird.“
Hoffnung ist oft gleichbedeutend mit Glaube, schreibt Benedikt XVI. in seiner zweiten Enzyklika „Spe salvi“ (Auf Hoffnung gerettet). Zudem benennt Hoffnung das, was Christen mit dem etwas altmodischen Wort Erlösung meinen: „eine verlässliche Hoffnung, von der her wir unsere oft mühsame Gegenwart bewältigen können“, weil unser Lebensweg ein ganz großes, wirklich lohnendes Ziel hat.

Der Keim der Hoffnung ist eingepflanzt

So vermag die christliche Botschaft zu trösten und zu ermutigen: Egal, wie erfolglos und verachtet du bist: Der, auf den es wirklich ankommt, der liebt dich bedingungslos. Nicht Markt- oder Naturgesetze, nicht politische oder soziale Verhältnisse beherrschen letztlich die Welt, sondern ein liebender Gott.
Weil Menschen das durch Jesus Christus erlebt und weitergegeben habe, wissen sie, worauf sie hoffen können. Dementsprechend legt der Papst einen Schlüsselsatz aus dem Hebräerbrief (11,1) aus: Der Glaube an Jesus Christus pflanzt in uns den Keim dessen, worauf wir hoffen: „das ganze, das wirkliche Leben“. Das Wissen um diese Zukunft kann die gesamte Gegenwart verändern.
Was scheinbar wichtig ist, wird nichtig. Prioritäten ändern sich – vor allem im Umgang mit anderen Menschen. Denn, so Benedikt immer wieder, christliche Hoffnung auf Erlösung ist keine Privatangelegenheit, nach dem Motto: „Mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.“ Christliche Hoffnung setzt darauf, dass sich letzte Gerechtigkeit und Erbarmen für alle Menschen aller Zeiten durchsetzen werden. Das können kein politischer, technischer oder wissenschaftlicher Fortschritt je erreichen.
Die Symbole für Glaube, Hoffnung und Liebe – Kreuz, Anker und Herz – sind beliebte Motive für Schmuck und Tätowierungen. Bringt, wer sie trägt, damit zum Ausdruck, wonach er sich wirklich sehnt? Besteht doch das Leben der Menschen aus kleinen und großen Hoffnungen, aus erfüllter und enttäuschter Liebe und aus Momenten des Glaubens und des Zweifels. Alle bergen die Sehnsucht nach dem Glauben, der wirklich trägt, nach der Hoffnung, die wirklich tröstet, und der Liebe, die wirklich erlöst.
Roland Juchem