09.09.2015

Im Sozialen Seminar setzen sich Jugendliche mit politischen Themen auseinander

Die Lebenswelt anderer verstehen

Ist Betteln anstrengend? Wie schmeckt das Essen bei der Tafel? Im Sozialen Seminar des Bistums Osnabrück können Jugendliche solche Fragen erkunden und fürs Leben lernen.

 

Findet in der Schule statt, hat mit Schulunterricht aber nichts zu tun: Das Soziale Seminar basiert darauf, dass Jugendliche ihr Thema selbst gewählt haben; hier ein Bild aus Quakenbrück. Foto: Benedikt Kisters

Brot vom Vortag und Salatköpfe, die bald welken – das kann man noch essen, und bei der Lebensmitteltafel wird es an Bedürftige abgegeben. Wer die Lebensmittel spendet, wer sie mit dem Transporter holt und wem sie zugute kommen, können Jugendliche erfahren, die in einem Kurs des Sozialen Seminars lernen, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Bei einigen Kursen mit dem Schwerpunkt „Menschen am Rande der Gesellschaft“ gehören zum Beispiel Besuche bei einem Tafelprojekt dazu. Auch Gespräche mit Wohnungslosen oder ein Besuch in einem Gefängnis sind möglich.

Es sei für viele Gymnasiasten sehr aufschlussreich, Orte wie die Tafel zu besichtigen, die sie aus ihrem eigenen Alltag vielleicht nicht kennen, sagt Benedikt Kisters, pädagogischer Leiter des Sozialen Seminars der Diözese Osnabrück. Der Theologe Kisters ist seit Januar zuständig für die Programmgestaltung des Sozialen Seminars. Die Kursleiter stimmen die Themen mit ihm ab. Die Kurse selbst finden dezentral im ganzen Bistum statt, zum Beispiel in Papenburg, Twistringen, Meppen, Melle oder Osnabrück.

Zu Beginn eines Kurses bespricht der Leiter mit den jugendlichen Teilnehmern, was genau sie im Seminar behandeln wollen und wie sie ihren Themenschwerpunkt den anderen vorstellen möchten. So wird es möglich, einen genaueren Blick auf die Lage derjenigen zu richten, denen es nicht gutgeht, oder sich zum Beispiel mit einem konkreten Projekt zu befassen.

Kurse des Sozialen Seminars haben einen guten Ruf

Dabei ist der Fantasie keine Grenze gesetzt, wenn es darum geht, die Lebenswelten anderer zu verstehen. So haben beispielsweise Schülerinnen aus Melle ausprobiert, wie es ist, bettelnd in der Fußgängerzone zu sitzen, und ihre Erkenntnisse für die anderen Teilnehmer zusammengetragen. Junge Leute von den Berufsbildenden Schulen Marienheim Sutthausen starteten eine Sammelaktion für das Caritasprojekt „Eine Kuh für Marx“ und stellten sich im März mit ihren Plakaten auf den Markt, auch wenn es nicht einfach war, zu Zeiten der Ukrainekrise ein Projekt zu verteidigen, das der ländlichen Bevölkerung Russlands zugute kommt. Im vergangenen Jahr engagierten sich auch viele Teilnehmer für Initiativen der Flüchtlingshilfe.
 

Benedikt Kisters, pädagogischer Leiter
des Sozialen Seminars im Bistum Osna-
brück. Foto: Andrea Kolhoff

Die Kurse des Sozialen Seminars richten sich an Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren, sie finden für Schüler der Klassen 9 bis 11 statt. Ob Oberschule, Gesamtschule oder Gymnasium – stets soll es um mehr als Wissensvermittlung gehen. Die Angebote haben laut Kisters einen guten Ruf und sind bisweilen auch Ergänzungen des Ganztagsschulangebots, manchmal sind sie sogar Wahlpflichtkurse der Schule.

Im Kurs des Sozialen Seminars könnten die Jungen und Mädchen wirklich etwas fürs Leben lernen, meint Kisters. Die Kurse seien nicht aufs Pauken von Fakten angelegt, sondern auf verstehen. Sie seien angelehnt an die Katholische Soziallehre und beruhten auf dem Grundsatz „sehen, verstehen, handeln“, erläutert Benedikt Kisters. Die Jugendlichen hätten den Kurs selbst gewählt und seien oft engagierter dabei als im Schulunterricht.

Das Soziale Seminar ist im gesamten Bistum aktiv, die Kurse finden vor Ort mit regionalen Kursleitern statt. Derzeit werden als Themenschwerpunkte angeboten: „Menschen am Rande der Gesellschaft“, „Leben gestalten – Zukunft gestalten“, „Wirtschaftliches und politisches Handeln“ sowie „Ein selbst gewähltes Projekt durchführen“. Im abgelaufenen Schuljahr fanden 18 Kurse an 16 Schulen statt; es wurden 266 Teilnehmerdiplome vergeben.

Andrea Kolhoff

 

Zur Sache

Das Soziale Seminar der Diözese Osnabrück besteht seit 1956, als eingetragener kirchlicher Verein seit 1968. Anfangs waren besonders die Erwachsenenseminare beliebt, mittlerweile liegt der Schwerpunkt bei Bildungsangeboten für junge Leute. Pädagogischer Leiter des Sozialen Seminars ist Benedikt Kisters.
www.sozialesseminar.de