14.05.2013

Interview mit Bischof Gerhard Feige

Die liebe christliche Familie ...

In 2000 Jahren Christentum haben sich viele Konfessionen, Kirchen und Gemeinschaften gebildet, die sich auf Jesus Christus berufen. Zu den Besonderheiten dieser christlichen Verwandtschaft ein Gespräch mit Bischof Gerhard Feige, Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Im ökumenischen Gottesdienst beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg beteten mehrere Konfessionen gemeinsam. Von links: die evangelisch-methodistische Bischöfin Rosemarie Wenner, der katholische Erzbischof Werner Thissen, der evangelisch-lutherische Bischof Gerhard Ulrich und der orthodoxe Erzpriester Radu Constantin Miron.                                                                                                                                                         Foto: kna-bild

Die christliche Sippe ist vielfältig: von den altorientalischen Kirchen bis zu den aktuellen Pfingstkirchen. Wenn Sie sich diese Verwandtschaft anschauen, was sehen Sie?

Jede der Kirchen ist ein lebendiger Organismus mit vielfältigen Merkmalen, markanten und verborgenen, wesentlichen und unwesentlichen. Oftmals wird aber zu klischeehaft geurteilt, zum Beispiel wenn es heißt: Die evangelische Kirche sei die „Kirche des Wortes“, die orthodoxe die „des Sakramentes“ und die katholische die „des Amtes“. Grundsätzlich verbindet uns alle auch mehr als uns trennt; und das Wichtigste ist im Glaubensbekenntnis und in der Taufe grundgelegt. Leider kann ich hier selbst mangels Zeit und Platz nur einige Aspekte benennen.
 

Was fällt bei einem Blick auf die altorientalischen Christen – etwa Kopten, Syrer, Armenier – auf?

Ihr Markenzeichen ist vor allem die besondere Treue zur frühchristlichen Tradition in Liturgie und Lehre. Diese Treue haben sie als Minderheiten in einem oft mehrheitlich islamischen Umfeld bis heute durchgehalten.
 

Gibt es etwas, das für andere Christen beispielhaft sein könnte?

Diese Kirchen sind sehr stark im Volk verwurzelt. Sie hatten kaum einmal an der politischen Herrschaft Anteil, sondern sind zumeist mit den Menschen durch viele Bedrängnisse hindurchgegangen. Das zeigt sich auch heutzutage im Nahen Osten sehr deutlich.
 

Wenn Sie auf die orthodoxe Kirche schauen …

Diese Kirche byzantinischer Tradition hat im ersten Jahrtausend zusammen mit der Kirche des Westens die eine Großkirche gebildet. Mit ihr sind wir daher sehr stark verbunden – etwa durch die ersten sieben ökumenischen Konzilien, das sakramentale Leben sowie das Verständnis von Kirche und geistlichem Amt. Viele abendländische Christen sind von ostkirchlicher Liturgie beeindruckt, weil sie sehr sinnenhaft ist, alle Sinne werden angesprochen. Ebenso setzt orthodoxe Spiritualität weniger auf geistreiche Gedanken als auf das Gebet des Herzens.

 

Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg                Foto: Lazar

Was sehen Sie kritisch?

Für problematisch halte ich das zum Teil recht enge Verhältnis von Kirche und Nation, wie es sich in den letzten Jahrhunderten in Osteuropa ausgebildet hat, aber auch manche Spannungen innerhalb der Orthodoxie, vor allem zwischen Moskau und Konstantinopel. Ansonsten erscheint mir die eine orthodoxe Kirche in mehreren selbstständigen Patriarchaten – wenigstens theoretisch – als ein ideales Modell für die gesamte Kirche.
 

Manche sagen, die Orthodoxen hätten beim politischen, diakonalen Aspekt des Glaubens einen blinden Fleck …

Dem muss ich widersprechen. Tätige Nächstenliebe gehört genauso zum orthodoxen Christentum. Nur war es nicht immer möglich, sie frei auszuüben. Etwa weil der osmanische, der zaristische oder der kommunistische Staat das nicht duldete. Orthodoxe Klöster sind aber immer schon Zentren sozialen Engagements gewesen.
 

Kürzlich war Evangelischer Kirchentag in Hamburg. Wie würden Sie unsere lutherischen Geschwister charakterisieren?

Beeindruckend ist bis heute die stark biblisch orientierte Theologie und Frömmigkeit. In Deutschland hat auch die Kirchenmusik für Lutheraner eine große Bedeutung; und davon profitieren wir Katholiken. Denken Sie etwa an die Lieder von Paul Gerhardt, auch im neuen Gotteslob. Die Frage nach dem Wesen und der Gestalt des Amtes sowie der Kirche insgesamt hingegen scheint mir nicht überzeugend beantwortet zu sein. Zudem sehe ich es als problematisch an, dass manche evangelischen Christen sich offensichtlich wieder mehr aus dem Widerspruch zum Katholischen definieren als aus der positiven Orientierung an der biblischen Offenbarung. Damit käme man ökumenisch aber nicht weiter.
 

Was beobachten sie sonst noch bei einzelnen lutherischen Christen?

Viele leben tatsächlich Tag für Tag aus und mit dem Wort Gottes. Seit einigen Jahrzehnten steigt aber auch das Interesse am Abendmahl wieder.
 

Wie sieht‘s bei den reformierten Christen aus, deren Reformatoren anfangs ja noch radikaler waren als Martin Luther?

Auch sie betonen sehr stark das Wort Gottes. Zudem ist für sie eine hohe Wertschätzung der Gerechtigkeit im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft charakteristisch.
 

Worin zeigt die sich?

Dass man etwa die gesellschaftlichen Verhältnisse nach biblischen Maßstäben aktiv mitgestalten will. Für mich eher ernüchternd sind die bilderlosen Kirchen und die eher untergeordnete Rolle des Altars. Mit den Reformierten halte ich als Katholik es auch für wichtig, dass sich kirchliches Leben in der Gemeinde vor Ort konkretisiert, frage aber: Ist die Kirche nicht mehr als ein Bund von Gemeinden? Sollte sie in der globalisierten Welt nicht auch deutlicher als Weltkirche ins Bewusstsein treten?
 

Die anglikanische Kirche verdankt sich der politischen Entscheidung König Heinrichs VIII. Wie stellt sie sich heute dar?

Die weltweite anglikanische Kirchengemeinschaft hat vieles gemeinsam mit uns: in Theologie, Gottesdienst, Frömmigkeit und Kirchenstruktur. Es kommen in ihr aber auch recht divergierende Richtungen zusammen, vor allem aus der katholischen und aus der evangelischen Tradition. Das unterzieht sie mitunter einer echten Zerreißprobe.
 

Was ist Mennoniten, Baptisten, Pietisten und anderen gemeinsam, die im 17. und 18. Jahrhundert entstanden sind?

Sie gehen gewissermaßen auf Erweckungen zurück und sind von einem starken Glaubenseifer geprägt – nach dem Motto: „Nur wer brennt, kann andere entflammen!“ Aus tiefer Frömmigkeit engagiert man sich aber auch gesellschaftlich und tritt besonders für Versöhnung und Frieden ein.
 

Auch deshalb, weil sie politisch unterdrückt wurden?

Durchaus. Zudem könnte man sagen, dass sie im Sinne einer „Entweltlichung“ aus erstarrten Verhältnissen ausgebrochen sind.
 

Kürzlich gab es in Rom einen katholischen Kongress zur Pfingstbewegung. Wie stellen sich diese „jungen Wilden“ aus Ihrer Sicht dar?

Auf jeden Fall ist durch sie die Bedeutung des Heiligen Geistes für das Leben des Einzelnen wie der Kirche wieder stärker bewusst geworden. Die sehr emotionale und spontane Frömmigkeit, die vor allem in Lateinamerika und Westafrika auch Katholiken anzieht, stellt uns vor die Frage, ob unser kirchliches Leben in Deutschland nicht zu bürokratisch und formalistisch geworden ist. Freilich hängt vieles auch von der Mentalität ab. Außerdem kann man sich wohl dem Heiligen Geist öffnen, sein Wirken aber nicht selbst produzieren. Kritisch ist weiterhin anzumerken, dass man Christ nicht nur mit dem Herzen ist, sondern auch mit dem Kopf.
 

Last but not least unsere römisch-katholische Kirche …

Typisch für sie ist das Bemühen um ein gutes, fruchtbares Verhältnis von Tradition und Erneuerung, von Theologie und Spiritualität, von Glaube und Vernunft, von Wort und Sakrament – gewissermaßen um ein „sowohl … als auch“. Damit verbinden sich insgesamt eine große Weite und ein langer Atem.
 

Worin zeigen die sich?

An der Einheit in Vielfalt; wir sind nicht uniform. Denken Sie nur an die verschiedenen Orden mit ihrem je eigenen Profil. Die Franziskaner z.B. waren am Anfang für unsere Kirche fast untragbar. Immer wieder lautet die Leitfrage: Wie viel Verschiedenheit ist möglich, ohne die Einheit zu gefährden? Und wie viel Einheit ist nötig, damit Vielfalt nicht zur Beliebigkeit verkommt?
 

Was könnte die katholische Kirche sich von anderen abschauen?

Eine Gefahr für uns besteht sicher in einem überzogenen Zentralismus. Da wäre es hilfreich und heilsam, zu einem ausgewogeneren Verhältnis von Orts- und Universalkirche zu kommen. Zu einer Weltkirche zu gehören, bleibt spannend, fordert heraus, bereichert aber auch.

Interview: Roland Juchem