13.11.2012

Ausstellung „Rosenstraße 76“ informiert über häusliche Gewalt

Die schöne Fassade ist eine Lüge

Manchmal lügt die schöne Fassade. Dann versteckt sich häusliche Gewalt hinter gepflegten Blumenbeeten und schicken Gardinen. In Lingen läuft dazu jetzt die ungewöhnliche Ausstellung "Rosenstraße 76" – in einer ganz normalen Wohnung.

 

Hübsch sieht es in der „Rosenstraße 76“ aus. Ein gemütliches Sofa, geschmackvolle Teppiche, ein nett gedeckter Tisch in der Küche. Doch die gutbürgerliche Idylle täuscht. Wer sich in dieser Wohnung genau umsieht, entdeckt überall Spuren von Gewalt und Unterdrückung. Nicht immer fallen sie sofort auf, es gibt keine Blutflecken an der Wand und kein zerbrochenes Mobiliar. Viel öfter verbergen sich die Zeichen: unter einer dicken Schicht von Make-up, unter einem großen Heftpflaster, unter einer starken Schmerztablette. Welche Frau mag gleich zeigen, dass sie zu Hause geschlagen, gedemütigt, kontrolliert wird?

Eine ökumenische Arbeitsgruppe hat die Ausstellung „Rosenstraße 76“ nach Lingen geholt (siehe zur Sache). Doch die Besucher sehen am Herrenkamp im Stadtteil Reuschberge keine der üblichen Stellwände mit Fotos und Grafiken. Sondern eine normale Drei-Zimmer-Wohnung für eine normale Familie mit zwei Kindern. Arbeit, Schule, Haushalt, Freunde, Familie: Auf den ersten Blick erscheint alles gut. Aber Monika Olthaus-Göbel weiß aus ihrer Arbeit im Lingener Frauenschutzhaus, dass Gewalt in jeder Stadt, in jedem Dorf und in jeder Kirchengemeinde passiert – egal, wie elegant die Fassade von außen aussieht. 2011 gab es allein im südlichen Emsland über 300 Fälle von häuslicher Gewalt. „Die der Polizei gemeldet wurden“, sagt Olthaus-Göbel. Die Dunkelziffer liegt höher, aus Scham und Angst sprechen viele nicht darüber.

Anrufbeantworter mit wütenden Drohungen des Ehemanns

Die „Rosenstraße 76“ steht deshalb exemplarisch für alle Räume, in denen die Gewalt zu Hause ist. Monika Olthaus-Göbel, Walter Göbel, Michael Lammel, Nils Freckmann, Marion Risse und Hiltrud Frese durften dafür eine Wohnung in einem Apartmenthaus umgestalten. Sonst mieten sich hier Geschäftsreisende oder Kurzurlauber ein. Jetzt können die Besucher in den drei Zimmern auf eine Entdeckungsreise gehen. Sich hinsetzen und den Anrufbeantworter mit den wütenden Drohungen des Ehemanns abhören. Das zu Herzen gehende Tagebuch von Tochter Lena lesen. Den Kühlschrank öffnen und die vielen Flaschen mit Alkohol sehen. Und beim Rundgang mit anderen Gästen offen über das Thema häusliche Gewalt sprechen.

Darum geht es dem Arbeitskreis – das Schweigen zu durchbrechen, damit Betroffene Hilfe bekommen und Nachbarn nicht  mehr weggucken. Ein Rahmenprogramm mit Gottesdienst, Film und Vorträgen will zusätzlich aufklären. Besonders eingeladen sind Schulgruppen ab Klasse 9. Man kann nicht früh genug anfangen, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, meint Monika Olthaus-Göbel.

Petra Diek-Münchow

 

 

Die „Rosenstraße 76“ ist eine Ausstellung der evangelischen Landeskirche. Nach Lingen geholt haben sie das Präventionsteam der Polizei, das Diakonische Werk, der Sozialdienst katholischer Frauen und der SKM-Katholischer Verein für soziale Dienste. Dafür ist vom 16. bis 28. November im „Appart House“ am Herrenkamp 19 eine Drei-Zimmer-Wohnung eingerichtet worden – mit Hinweisen auf alltägliche Gewalt.

Die Ausstellung ist montags bis freitags von 14 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr zu sehen. Schulklassen sollten sich per E-Mail anmelden: hiltrud.frese@polizei.niedersachsen.de

Der Eintritt ist frei. Für den Besuch sollte man eine gute Stunde einplanen. Zum Rahmenprogramm zählt unter anderem der ökumenische Gottesdienst zur Eröffnung am 21. November um 19 Uhr in der Kreuzkirche.

Den Flyer mit allen Details gibt es hier