09.11.2016

Anfrage

Die Seligen, die Heiligen und ihre Wunder

„Ein erstes Wunder ist notwendig für die Seligsprechung, ein zweites für die Heiligsprechung. (... ) In der Regel handelt es sich dabei um Heilungen.“ Da stellt sich für mich die Frage: Wie ist es möglich, ein bestimmtes Wunder dem jeweiligen Seligen bzw. Heiligen sicher zuzuordnen. G. S., 63486 Bruchköbel

Bevor jemand selig- oder heiliggesprochen wird, läuft ein oft langjähriges Verfahren, das vor allem den Lebenswandel der betreffenden Person mit Zeugenaussagen und weiteren „Beweismitteln“ prüft. Die betreffende Person wird aber bereits von Gläubigen verehrt, zunächst lokal, später dann oft auch weltweit. Mutter Teresa etwa wurde schon zu Lebzeiten von vielen wie eine „Heilige“ angesehen. Ebenso bei Papst Johannes Paul II., der unmittelbar nach seinem Tod schon mit „Santo Subito“-Rufen bedacht und verehrt wurde.

Deshalb ist es nicht so, dass man ein „Wunder“ feststellt und dann einen „passenden“ Heiligen oder Seligen in spe dafür sucht, sondern umgekehrt: Weil ein Verstorbener mit heiligmäßigem Leben verehrt wird, vertraut eine kranke Person ihr oder ihm eine besondere Fürsprache bei Gott an. Und wenn diese kranke Person dann auf medizinisch unerklärliche Weise gesund wird, steht dies in Verbindung mit dem Fürsprecher – und der gesundete Mensch erzählt den kirchlichen Stellen davon. Gott allein es ist, der heilt. Der verehrte und angerufene Selige oder Heilige in spe ist aber Fürsprecher mit besonderer Nähe zu Gott.

Ein Verfahren für die Anerkennung von solchen Wundern gibt es schon seit dem Mittelalter, im 20. Jahrhundert wurde es mehrfach medizinisch-wissenschaftlich verschärft. Zuletzt hat Papst Franziskus im September die Arbeitsweise der Prüfkommission sowie Regeln für Geldflüsse während des Verfahrens neu geregelt.

Das kirchliche Verfahren stellt dann am Ende amtlich fest, dass jemand als Seliger oder Heiliger verehrt werden kann. Das anerkannte Wunder ist dann so etwas wie der „Fingerzeig Gottes, der sozusagen das menschliche Urteil über die Heiligkeit eines Menschen ratifiziert“, wie es Erzbischof Marcello Bartolucci von der vatikanischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen ausdrückte.

Von Michael Kinnen