07.01.2015

Pflegende entwickeln Tagebuch für Komapatienten

Die Zeit der Bewusstlosigkeit verarbeiten

Pflegende der kardiologischen Intensivstation des Marienhospitals Osnabrück der Niels-Stensen-Kliniken (MHO) haben ein Tagebuch für Komapatienten entwickelt: Sie führen dieses Buch gemeinsam mit den Angehörigen und allen anderen an der Therapie des Patienten Beteiligten. Auch Kinder können es mitgestalten.

 

Gabi Rautenstrauch, Sylvia Hofmann und Sascha Borgelt (von links) stellten das neue Pflegetagebuch vor. Foto: Niels-Stensen-Kliniken.

„Unser Tagebuch hilft kranken Menschen, damit sie nach einem künstlichen Koma rückwirkend die Zeit der Bewusstlosigkeit verarbeiten können“, erläutert Intensivpfleger Sascha Borgelt: „Nach dem Erwachen kann der Patient das Tagebuch lesen und so die Zeit seiner Bewusstlosigkeit rekonstruieren. Damit wollen wir ihm helfen, Belastungsstörungen vorzubeugen, die aus nichtverarbeiteten Erlebnissen entstehen können.“

Beispiel: Ein junger Mann musste nach einem Herzstillstand reanimiert und in ein künstliches Koma versetzt werden. „Wir haben seine Erlebnisse für ihn aufgeschrieben, beginnend mit dem Vorfall zu Hause“, berichtet Intensivpflegerin Sylvia Hofmann, die das Projekt gemeinsam mit ihrem Kollegen Sascha Borgelt entwickelt hat. „Denn Patienten, die in einen komatösen Zustand versetzt werden, schlafen nicht fest, sondern verarbeiten das Erlebte oft unbewusst“ sagt sie. Das Problem sei, dass die Patienten  diese Geschehnisse während ihres Komas nach dem Aufwachen oft nicht einordnen können.

Beim Erstellen des Intensivtagebuchs werden auch Angehörige angeleitet und motiviert, etwas in das Buch zu schreiben: Sie berichten, was während des künstlichen Komas zu Hause geschehen ist. Das hilft ihnen auch bei der Stressbewältigung auf der Intensivstation. „Denn sie haben so das Gefühl, dass sie etwas für den Patienten tun können“, sagt Borgelt. Sie seien dankbar und nicht mehr so hilflos.

Das Tagebuch auch mit Briefen und Postkarten füllen

Es haben schon viele Angehörige mitgewirkt. Auch Kinder schreiben an dem Tagebuch mit und das bereitet ihnen meistens viel Freude. Gerade dann, wenn sie nicht mit auf die Intensivstation dürfen.  „Wenn Kinder noch nicht schreiben können, kleben sie manchmal einfach Fotos oder selbstgemalte Bilder in das Buch“, erläutert Sylvia Hofmann. „Angehörige schicken Briefe und Postkarten, die mit in das Intensivtagebuch geheftet werden. So wird das Buch mit Leben gefüllt“, sagt sie.

Auch für die Pflegenden sei das Intensivtagebuch ein Gewinn, erzählt Sascha Borgelt, „weil wir uns so noch mehr mit der tatsächlichen Situation des Patienten auseinandersetzen. Zudem unterstützt es die Kommunikation mit den Angehörigen.“

Als Tagebuch wird ein Ringbuch verwendet. Das hat den Vorteil, dass Kinder und Angehörige, die nicht die Möglichkeit des Besuches haben, etwas zu dem Buch beitragen können. Auf der Titelseite ist ein Bild vom Krankenhaus und auf der ersten Seite eine Anleitung und Bilder von Stationszimmern.

Vorgaben für das Verfassen der Tagebucheinträge gebe es nicht, erläutert Gabi Rautenstrauch von der Intensivstation: „Es ist, als schreibe man als Pflegekraft dem Patienten täglich einen kurzen Brief.“ Wichtig sei, „dass die Eintragungen ehrlich und wertschätzend sind. Sie unterliegen selbstredend der Schweigepflicht".