12.01.2012

Eine Äbtissin spricht über ihren Weg ins Kloster

Du bist berufen!

Andreas und Simon wurden als erste Apostel berufen. Wie sie Johannes im heutigen Evangelium beschreibt, wirkt Berufung fern und etwas irreal. Im Interview spricht die 36-jährige Äbtissin des Zisterzienserinnenklosters St. Marienstern (bei Bautzen), Mutter Maria Philippa Kraft, über ihre eigene Berufung. Sie ist die 43. Äbtissin in der 750-jährigen Geschichte der Abtei. 

Äbtissin Philippa Kraft

Die Äbtissin Maria Philippa Kraft vor dem Zisterzienserinnenkloster St. Marienstern bei Bautzen

 

Mutter Äbtissin, bei Priestern, Ordensleuten, auch bei manchen Ärzten oder Krankenschwestern spricht man von einer Berufung – derjenige, diejenige ist dazu berufen.

Auch bei einer Ehe trifft das zu. Eheleute geben ein Versprechen ab, das sie das ganze Leben halten wollen. Eigentlich ist jeder zu etwas berufen.

Die Berufung der ersten Jünger im Johannesevangelium oder auch die Berufung von Maria geschieht, so scheint es, fast „Knall auf Fall“. Dass es wirklich so eine spontane Entscheidung ist, kann man sich kaum vorstellen.

Bei mir war die Entscheidung ein Prozess über Jahre. 1989 wollte ich mit meiner Großmutter in die Tschechoslowakei fahren – damals war ich 14. Die Grenzen waren aber geschlossen. Wir haben deshalb in Sankt Marienstern übernachtet. Ein kleines Mädchen, sieben Jahre alt, sagte zu mir: Ich geh mal ins Kloster – kommst Du auch mit? Sie ist im Übrigen jetzt verheiratet und hat Kinder. Ich habe mir diese Frage dann ernsthaft gestellt. Ich hatte das Gefühl, es wäre schön, hier zu bleiben, und bin mit der Abtei in Kontakt geblieben. In der Regel habe ich in den Herbstferien eine Woche in Marienstern verbracht, auch während der Lehre. Im Herbst vor meinem 18. Geburtstag habe ich erstmals vom Chorgebet gehört und daran teilgenommen. Die Liturgie hat mich gefesselt. Auch ein Film vom MDR über unser Kloster hat mich fasziniert – fragen Sie nicht, wie oft ich ihn angeschaut habe. Fragen kamen natürlich auf. Über die konnte ich hier vor Ort sprechen oder sie in Briefen den Schwestern stellen. Mitentscheidend war auch das Buch  „Warum ich ins Kloster ging“. In den Geschichten der Nonnen habe ich Parallelen gefunden.

Welche Fragen waren das, die Sie sich gestellt haben?

Natürlich fragt man sich: Kannst du dir ein Leben ohne eigene Familie vorstellen, kann dich das erfüllen? Dann konnten wir ab 1989 endlich reisen – kannst du darauf in Zukunft wieder verzichten? Und: Kann ich das alles, was zu einem Leben im Kloster gehört, zum Beispiel regelmäßig zur Beichte gehen?

Mit 19 Jahren sind Sie in das Kloster eingetreten, mit 24 Jahren haben Sie die Ewigen Gelübde abgelegt. Jetzt sind Sie Äbtissin. Hatten Sie in der Zeit auch Zweifel an Ihrer Berufung?

An der Berufung selbst habe ich nie gezweifelt. Beschäftigt hat mich aber, wie ich mit dem Leben im Kloster zurechtkomme: mit den geregelten Abläufen, damit, immer im gleichen Kreis von Mitmenschen zu leben. Und ich habe mich selbst näher kennengelernt, musste lernen, mich mit meinen Schwächen auszuhalten. Aber im Herzen habe ich mich immer von Gott angesprochen gefühlt.

Wie kann Berufung heute noch aussehen? Sie haben sicher mit anderen Ordensschwestern darüber gesprochen.

Einen Autounfall überlebt und anschließend ins Kloster gegangen – so etwas Spektakuläres habe ich von meinen Mitschwestern noch nicht gehört. Einige haben es schon von Kind auf gewusst. Nicht selten kommen Konvertiten ins Kloster – sie sind teilweise extra katholisch geworden, um Ordensschwester zu werden.

Sie begegnen sicher immer wieder Frauen, die als Gast oder als Novizin mit sich ringen, ob sie für das Ordensleben berufen sind. Was sagen Sie, wenn Sie um Rat gefragt werden?

Bei einem ersten Gespräch lässt sich die Frage nicht beantworten, obwohl das manchmal erwartet wird. Vor einigen Jahren hatten wir in Meißen beim Benno-Jubiläum einen Stand. Eine Schülerin, kurz vor dem Abitur, hat damals die Gelegenheit genutzt, ein Ordenskleid anzuziehen. Seitdem steht sie in Briefkontakt mit einer Schwester. Sie will nicht ins Kloster, kommt aber auch nicht zur Ruhe, ohne es zu probieren, was sie nach Abschluss ihres Studiums tun wird. Über Jahre ringt sie konstant mit dem Gedanken, Ordensschwester zu werden. Ihre Ansichten klingen überzeugend. Ich bin bei ihr zuversichtlich. Also: Man wird es merken, wenn man es probiert – ohne Berufung hält man das Ordensleben nicht durch.

Ist es in Ihrer Zeit schon vorgekommen, dass Schwestern aus dem Orden ausgetreten sind?

Ja, ich musste es schon mehrfach miterleben. Die Schwes-tern haben vor allem die Enge nicht ausgehalten. Es ist dann wie bei mancher Scheidung: Man fühlt sich freier. Aber leichtgemacht hat man es sich damit nicht: Man muss wieder Fuß fassen und auch damit leben können, ein Versprechen nicht gehalten zu haben.  

Die Zahl der Ordensleute und Priester geht zurück. Ruft Gott seltener? Oder sind Berufene öfter taub?

In unserem Konvent gab es zu DDR-Zeiten nur selten Eintritte. Nach der Wende wurden es deutlich mehr. Ich denke, dass die, die eine Berufung haben, auch einen Sensus dafür haben. Die andere Frage ist, wie sie damit umgehen. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Umfeld, besonders das Elternhaus. Eltern von Einzelkindern sind oft nicht gerade begeistert davon, oder Eltern von Konvertiten oder atheistische Eltern. Manche Mütter und Väter können einfach nichts damit anfangen, auch katholische. Die Eltern von unserer jüngsten Schwester waren noch nicht einmal hier, um sie zu besuchen.

Welche Rolle spielt die Sorge um Berufungen oder die Annahme des Rufes in Ihrem Ordensleben? Gehen Sie öfter in die Öffentlichkeit wie mit dem Stand in Meißen?

Die Aktion beim Benno-Jubiläum war dort sicher am rechten Platz, etwas Außergewöhnliches. Sie bleibt eine Ausnahme, auch weil uns unsere Ordenskleider heilig sind. Die Regel ist das Gebet. Wir beten jede Woche einen Rosenkranz und jeden Monat eine Novene für geistliche Berufe. Dann gibt es die jährliche Gebetsoktav. Die Bitte um Berufungen ist ein ganz wichtiger Aspekt in unserem Gebet. Ich glaube, sonst wären wir nicht so viele Schwestern.

Das klingt zuversichtlich.

Ich bin sehr optimistisch. Erst in diesen Tagen hatte ich wieder ein Gespräch mit einer Frau, die sich mit dem Gedanken trägt, ein Noviziat zu beginnen. Unser Vorteil ist, dass wir ein relativ junger Konvent sind. Fünf Schwestern sind noch keine 40 Jahre alt. Da fühlen sich jüngere Frauen eher hingezogen. Ich habe keine Bedenken, was unsere Zukunft betrifft.

Interview: Gert Friedrich