26.10.2016

„Kirche des Monats": die Gefängniskapelle in Lingen-Damaschke

Durch ein knallrotes Portal

Kirchen gibt es in fast jedem Dorf im Emsland. Und jede ist anders, jede hat ihre eigene Geschichte und Gemeinschaft. Das sollen die Gäste in der Reihe „Kirche des Monats“ erfahren. Im November sind sie an einen ungewöhnlichen Ort eingeladen – die Gefängniskapelle in Lingen-Damaschke.

 

Kommen Sie herein: Gefängnisseelsorger Frank Kribber freut sich
darauf, von der Kapelle in Lingen-Damaschke zu erzählen. Foto:
Petra Diek-Münchow

„Einen Moment noch, dann gehen wir gleich zur Kirche.“ Pfarrer Frank Kribber schaut kurz hoch und spricht weiter mit einem jungen Mann. Der hat ihn um Rat gebeten, sein Handy funktioniert nicht mehr. Auch nach solcher Hilfe wird ein Gefängnisseelsorger manchmal gefragt, man traut ihm eine Menge zu. Nach ein paar Minuten scheint das Problem geklärt, er sagt „Tschüss“ und marschiert die paar Schritte zur Kapelle. Etwas am Rand der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lingen-Damaschke liegt sie, aber keineswegs versteckt auf dem 90 000 Quadratmeter großen Gelände. Dafür sorgt schon das knallrote Hauptportal. Frank Kribber schließt auf, macht das Licht an und sagt: „Da sind wir.“

Ein wohltuend schlichter Raum öffnet sich hinter der Tür. „Unsere Kirche“ – so wird in der JVA die kleine Kapelle genannt. Auf den Bänken und Stühlen ist Platz für 150 Gäste. Nicht immer sitzen so viele beim Gottesdienst am Sonntag um 10.15 Uhr, im Wechsel vom katholischen und evangelischen Pfarrer gehalten. Jeder ist eingeladen dazu, die Messen sind öffentlich. Einmal im Monat sind dank langer Tradition die Kolpinger aus Lingen dabei. „Heiligabend und Ostern wird es immer voll. Da kommen etliche Besucher von draußen“, sagt Frank Kribber. Und der Zugang ist für sie nicht so kompliziert wie vielleicht in anderen Haftanstalten. Weil Lingen-Damaschke mit seinen 230 Haftplätzen eine Abteilung des offenen Vollzugs ist. Die Männer hier verlassen morgens die JVA, gehen zur Arbeit und müssen abends pünktlich wieder da sein.

„Die Kirche soll eine Brücke in den Alltag sein“

Franz Kribber geht durch den Mittelgang in den Chorraum. Ein großes Kreuz hängt über dem Altar. Die Oberlichter werfen bei Sonnenschein Lichtpunkte auf die Wand dahinter. Dem Priester gefällt das gut: „So wird der Blick automatisch nach oben gezogen, in die Weite, in den Himmel“, sagt er. Und zeigt dann auch auf die drei flachen Tonreliefs mit Szenen aus dem Abendmahl, von der Kreuzigung und der Auferstehung. Wer sie geformt hat, weiß der Gefängnisseelsorger nicht. Vermutlich einer der JVA-Insassen. Er fährt mit seinem Zeigefinger über eine kleine eingemeißelte Signatur. „W.B. 1989“ steht in der Ecke. „Vielleicht sind sie in der Kreativwerkstatt entstanden“, mutmaßt er.

Was gibt es noch in der Kapelle? Einen großen rechteckigen Tisch hinter der letzten Bank. Und der ist wichtig für die Arbeit von Frank Kribber und seinem evangelischen Kollegen Thomas mit dem schönen Nachnamen Gotthilf. Denn in dem Kirchenraum wird nicht nur Messe gefeiert, sondern danach gemütlich Kaffee getrunken und geredet, an anderen Abenden meditiert, Theater gespielt, werden Filme gesehen, wird aus Büchern gelesen. „Das Leben soll nicht woanders stattfinden“, sagt Kribber und setzt sich auf einen der Stühle. „Die Kirche hier soll eine Brücke in den Alltag sein.“

Seit 2013 arbeitet der gebürtige Haselünner als Pfarrer im Justizvollzugsdienst, so der offizielle Titel. Mit seiner Tätigkeit wechselte der Geistliche von der Gemeindearbeit in den Landesdienst, ist zuständig vor allem für die Haftanstalten in Lingen und Osnabrück. Ist die Arbeit vergleichbar mit der in einer Pfarrei, wie zuletzt als Kaplan in Papenburg? „Es ist spannend, aber völlig anders und einseitiger“, sagt er. Hochzeiten, Taufen, Erstkommunion, Pfarrfeste, Jubiläen – das ganze Feld der üblichen Gemeindeseelsorge findet in der JVA kaum oder gar nicht statt.  „Ich habe hier immer mit Scheitern zu tun. Und ich muss akzeptieren, dass man Erfolge nicht immer sehen und messen kann. Das ist eins-zu-eins-Seelsorge“, erklärt er.

Dicht am Menschen und ihren Schicksalen

Seelsorge ganz dicht am Menschen und ihren Schicksalen. Da geht es oft sogar weniger ums Reden, sondern mehr noch ums verschwiegene Zuhören – um das einfache Da-Sein, wenn alles in der Haftanstalt zu viel wird, zu ungewiss und düster aussieht. Frank Kribber, das spürt man schnell, interessiert sich für die Geschichte(n), die hinter jeder Biografie stecken. Das gilt für die Häftlinge, aber auch für die Mitarbeiter der JVA. „Ich bin Gefängnis-, nicht Gefangenenseelsorger.“ Und das informelle Gespräch bei einer Tasse Kaffee auf dem Flur hat schon oft geholfen.

Fragen die JVA-Insassen gezielt nach besonderen Angeboten? Kribber nickt und antwortet: „Immer mal wieder explizit nach der Beichte und nach dem Rosenkranz.“ Jeder hat hier Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte – ist auf der Suche nach etwas, an dem er sich festhalten kann, wenn das Leben auseinander- gebrochen ist. Einige erinnern sich an die „Oma, die doch immer so eine Kette in der Hand hatte.“ Deshalb freut sich der Gefängnisseelsorger immer, wenn Menschen ihm Rosenkränze für die Häftlinge schenken. Er schaut auf die Uhr, der nächste Termin steht im Kalender. Aber als er die Kirche wieder verlässt, dauert es nicht lang, bis wieder ein Mann auf ihn zukommt. „Zeit für mich?“ Natürlich, hat er.

Petra Diek-Münchow
 

„Kirche des Monats“ heißt eine Veranstaltungsreihe, bei der verschiedene Gotteshäuser im Emsland vorgestellt werden. Katholische und evangelische Gemeinden machen dabei mit – meistens am zweiten Sonntag des Monats am Nachmittag.

Am 13. November sind Gäste um 15 Uhr in die Gefängniskapelle in Lingen-Damaschke am Grenzweg 39 eingeladen. Dabei geht es auch um das Jahr der Barmherzigkeit. Die Gefängnisseelsorger wollen die Kapelle und ihre Arbeit vorstellen.