18.08.2017

Kunstprojekt in Lingener Kirche

Ein Abend mit Lachen und Tränen

Ein außergewöhnliches Kunstprojekt findet Anfang September in der Lingener St.-Bonifatius-Kirche statt. Die Gäste hören dort Lieder und berührende Lebensgeschichten von Menschen, die heute nicht mehr leben: Ein Abend mit einer starken Botschaft.

Mit Musik und Licht werden am 2. September die „Letzten Lieder & Geschichten“ in Lingen aufgeführt. Fotos: Christian Hartmann/Ralf Kopp/Marc Bartolo

Die Idee zu diesen „Letzten Liedern & Geschichten“ stammt von dem Frankfurter Sozialpädagogen und Journalisten Stefan Weiller. Er will die Stimmen von sterbenden Menschen, die in unserer Gesellschaft viel zu selten gehört werden, in seinem Kunstprojekt zum Klingen bringen. Seit mehreren Jahren besucht er dafür todkranke Männer und Frauen im Alter von 20 bis 90 Jahren in Hospizen von Hamburg bis Bayern. Diese Menschen sprechen mit ihm über ihr Leben, ihre Erinnerungen, ihre Gefühle – und über Musik, die für sie besonders wichtig war. Wohl wissend, dass sie bald sterben und die Aufführung ihrer Lieder nicht mehr erleben werden. Aus Gedächtnisprotokollen und Motiven dieser Interviews schreibt Weiller später mit seinen eigenen Worten die Texte für die Konzertabende. Die Gesprächspartner bleiben dabei immer anonym.

Seit Mai 2013 wird dieses Projekt bundesweit in verschiedenen Städten gezeigt und ist jetzt zum ersten Mal in unserem Bistum zu sehen – mit Geschichten und Liedern auch aus dem Emsland. Denn Stefan Weiller hat in den vergangenen Monaten mit mehreren Menschen gesprochen, die in ihrer letzten Lebensphase von den Hospizvereinen Lingen und Meppen stationär oder ambulant begleitet worden sind. Sie haben von ihrem Leben und von den Liedern erzählt, die ihnen Freude und Halt, Trost und Hoffnung gaben. Das macht der Autor in jeder Region so, in der die „Letzten Lieder“ gezeigt werden. Auf diese Weise entsteht für jede Stadt ein neues Aufführungserlebnis, das eng mit den Menschen und ihrer Heimat verbunden ist.

Die Texte liest unter anderem
der Schauspieler Christoph Maria Herbst

Die zwei Hospizvereine und die Lingener Stadtpastoral haben die Veranstaltung in St. Bonifatius ein Jahr lang organisiert. Für die Vorsitzenden Carmen Breuckmann-Giertz und Birgit Stoßberg sowie den Dekanatsreferenten Holger Berentzen steckt in dem Abend eine „ganz starke Botschaft“. Weil sterbenskranke Menschen damit selbst an einem Kunstprojekt mitarbeiten konnten, das sich dem Leben widmet und über ihren Tod hinaus gehört wird. Und weil das Redetabu, das zuweilen über dem Sterben zu liegen scheint, damit vielleicht sensibel aufgelöst werden kann. „Das Thema liegt immer quer zur Zeit, das tut immer weh und betrifft doch jeden von uns. Dieser Abend eröffnet vielleicht die Chance, sich dem Thema anders zu stellen“, sagt Carmen Breuckmann-Giertz, die das Stück in Berlin gesehen hat und begeistert davon ist. Denn es geht darin um Lebenswerte und Lebensqualität, um Beistand und Verantwortung. „Das hat eine so große Strahlkraft.“ Und sie hofft, dass damit die Arbeit der ehrenamtlichen Hospizhelfer gestärkt wird und neue Motivation erfährt.

Was die Zuhörer und Zuschauer in Lingen erleben werden, ist aber keine Trauerfeier mit getragener Beerdigungsmusik. Sondern ein sorgsam durchkomponierter Abend mit lauten und stillen Momenten, mit Tränen und Lachen, mit glücklichen und traurigen Erinnerungen: ein Gesamtkunstwerk aus Text, Musik, Video und Licht. Neben vielen Helfern vor und hinter den Kulissen wirken 100 Akteure im Kirchenraum mit, bekommen dafür zum Teil nur ein kleines Honorar oder verzichten ganz auf ihre Gage. Wie zum Beispiel der aus „Stromberg“ bekannte Kabarettist Christoph Maria Herbst oder der mit „Löwenzahn“  populär gewordene Helmut Krauss. Mit der Fernsehsprecherin Birgitta Assheuer wollen sie die Lebensgeschichten vortragen: mal behutsam, mal leidenschaftlich, aber immer mit großer Sensibilität. Dazu führen regionale und überregionale Musiker in gut zwei Stunden 22 Lebenslieder mit Gesang und Instrumenten auf. Das reicht vom Schlagzeugsolo bis zur Volksmusik, von der Arie bis zum Schlager, von Pop bis Rock: „Lieder, in denen uns das Leben anstrahlen wird. An diesem Abend denken wir nicht nur an den Tod, wir feiern auch das Leben“, sagt Birgit Stoßberg.

Petra Diek-Münchow

 

„Letzte Lieder & Geschichten“
„Und die Welt steht still – Letzte Lieder & Geschichten“: So heißt das Kunstprojekt von Stefan Weiller, das am Samstag, 2. September, um 19.30 Uhr in der Lingener Kirche St. Bonifatius aufgeführt wird. Dabei treten unter anderem die Schauspieler Christoph Maria Herbst und Helmut Krauss, die TV-Sprecherin Birgitta Assheuer, der Lingener Bonifatius­chor, Sänger und Musiker auf.

Veranstalter sind der Hospizverein Lingen, die Hospiz-Hilfe Meppen sowie die Lingener Stadtpastoral. Der Eintritt ist frei, Spenden für die Hospizarbeit sind erwünscht.
Gefördert wird die Aufführung von den Lingener Kirchengemeinden, der Sparkasse Emsland, der St.-Bonifatius-Hospitalgesellschaft, dem Hospiz- und Palliativverband sowie der Hospizstiftung Niedersachsen der Stadt Lingen und den Kivelingen.

Infos: Dekanatsreferent Holger Berentzen, 05 91/96 49 72 21
www.und-die-welt-steht-still.de