23.10.2012

Erfahrungen mit der „Kolumbariumskirche Heilige Familie“

Ein Hauch von Ewigkeit

Wie kommt ein „Taubenschlag“ in die Kirche? Und warum suchen einige Menschen ihren letzten Ruheplatz nicht mehr auf einem Friedhof? Antworten gibt es bei einem Besuch in der „Kolumbariumskirche Heilige Familie“ in Osnabrück.

 

Sich Zeit nehmen für einen besonderen Ort, über Tod und Sterben nachdenken: Bei vielen Menschen hinterlässt ein Besuch in der „Kolumbariumskirche Heilige Familie“ in Osnabrück einen bleibenden Eindruck. Fotos: Jörg Sabel

„Inmitten des Lebens sind wir vom Tod umfangen“, heißt es in einer Liederlegende des neunten Jahrhunderts. Wer die bislang einzige Kolumbariumskirche im Bistum betritt, muss diesen Gedanken zulassen können. Leben und Tod sind dort sinnbildlich miteinander verknüpft. Im Zentrum der Rundkirche aus den 50er Jahren liegt der Gottesdienstraum. Er ist umgeben von einem offenen Halbkreis aus Urnengängen. Die Wände zum Kolumbarium sind durchbrochen, so dass es keine Barriere zwischen Feierraum und Trauerraum gibt. Ein architektonisches Meisterstück.

Als Pastoralassistentin Maria Engelke die vor zwei Jahren zum Kolumbarium umgebaute Kirche kennenlernte, war sie „positiv ergriffen“. An diesem Ort weht ein Hauch von Ewigkeit. Es wirkt überhaupt nicht bedrohlich auf die junge Frau, dass sie von der Kirchenbank aus auf Urnengräber schauen kann. „Dort ruhen Menschen, die von einem Glauben getragen wurden, der auch mich trägt“, sagt sie.

Mit Tod und Sterben sollte sich auch die jüngere Generation auseinandersetzen, befand Maria Engelke und bereitete den Kolumbariumsbesuch mit ihrem Osnabrücker Team in der Reihe „nach Acht“ vor: Junge „nAcht-Schwärmer“ treffen sich jeweils am achten Tag eines Monats ab 20 Uhr, um einen gemeinsamen Abend zu verbringen.

20 Minuten lang erkundet jeder Teilnehmer die Kolumbariumskirche, langsam und schweigend. Einige empfinden den Ort als einladend, andere loben zwar die Architektur, geben aber offen zu: „Das ist nicht mein Gottesdienstraum.“ Diakon Harald Niermann weiß um die gemischten Gefühle der Kirchenbesucher. Der Gedanke an den eigenen Tod konfrontiert uns mit unseren tiefsten Ängsten und wirft viele Fragen auf. Früher beerdigten Angehörige die Verstorbenen oft in Familiengräbern bei ihren Verwandten. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Deshalb fragen sich viele Menschen: Wo werde ich einmal beerdigt? Wer pflegt mein Grab, wenn die Kinder nicht in der Nähe wohnen?

Viele Ältere suchen sich ihre Ruhestätte selbst aus

Ein Wanddurchbruch für das Ewige Licht verbindet
Gottesdienst- und Trauerraum.

Vor allem Ältere, sagt Diakon Niermann, wollten die „letzten Dinge“ rechtzeitig regeln und suchten sich in der Kolumbariumskirche ihre Ruhestätten selbst aus. Ein Ehepaar beispielsweise entschied sich für eine Stelle auf der rechten Seite, die vom Gottesdienstraum gut zu sehen ist. „Wir sterben vermutlich nicht gleichzeitig“, erklärte die Ehefrau. „Wenn der eine dann im Gottesdienst sitzt, ist der andere immer dabei.“ „Ein schöner Gedanke“, sagt Harald Niermann. Mit einem Schmunzeln erinnert er sich auch an das Gespräch zweier älterer Damen. Die eine hatte sich ihren Urnenplatz bereits ausgesucht und begleitete ihre Freundin. Und die fragte: „Wo liegst du denn? Ich möchte gern daneben.“ „Geht nicht“, erwiderte die andere, „da liegt schon Inge. Aber neben ihr ist noch was frei ...“

Die Schlichtheit der Grabplatten ist ungewöhnlich. Jeder Verstorbene wird mit Namen, Geburts- und Sterbedatum vermerkt – ohne Titel und weitere Zusätze. „Einige haben deshalb schon einen Rückzieher gemacht“, berichtet Niermann. Er beruft sich in solchen Fällen gern auf eine Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils, das vom „Glanz edler Schlichtheit“ spricht. Wesentlich sei allein der Name.

Hat sich etwas verändert seit dem Umbau zu einer Kolumbariumskirche? „Seitdem wir uns mit dem Tod beschäftigen, ist hier viel mehr Leben“, stellt der Diakon fest. Oft kämen Menschen ganz gezielt in die Kirche. Beeindruckt haben ihn besonders die Worte einer jungen Frau: „Ich kann zwar nicht beten, habe aber das Gefühl, dass hier ein Ort ist, an dem ich einfach sein kann.“

Anja Sabel

 

Weitere Informationen, auch zu einem Gedenkgottesdienst an Allerseelen, gibt es unter www.kolumbarium-os.de