05.08.2013

Internationale Jüdisch-Christliche Bibelwoche

Ein Leben für den Dialog

Scheichs, Römer und Haaremsdamen sind im Garten des Franziskanerklosters Ohrbeck ein außergewöhnlicher Anblick, aber die karnevaleske Szenerie hat einen Hintergrund: Es sind die Teilnehmer der Jüdisch-Christlichen Bibelwoche, die das Buch Esther studieren.

 

Jonathan Magonet signiert die ihm zur Ehre geschriebene Festschrift,
die er während der Jüdisch-Christlichen Bibelwoche erhielt.
Fotos: Regine Bruns

Zu Ehren der persischen Königin, die der biblischen Legende nach durch kluges Handeln die Judenverfolgung im babylonischen Exil beendete, haben die insgesamt 124 Juden und Christen aus Deutschland, England, den Niederlanden, den USA, Südamerika und Israel die Phantasiekostüme angelegt. So feiern sie in gewisser Weise auch das jüdische „Purim“-Fest, das auf die „Esther“-Geschichte zurückgeht.

Inmitten der bunten Schar steht ganz bescheiden der Initiator der internationalen Jüdisch-Christlichen Bibelwoche, Rabbiner Jonathan Magonet aus London. Ihn erwartet eine besondere Ehre: Er bekommt erstmals die für ihn verfasste Festschrift „Welcome to the Cavalcade“ überreicht.

Der Titel nimmt Bezug zu einem Lied mit dem Titel „Calvacade“, in dem Jonathan Magonet über einige seiner wichtigsten spirituellen Lehrer singt. „Das Lied ist in gewisser Weise zur Erkennungsmelodie von Jonathan Magonet geworden,“ erklärt Howard Cooper, der gemeinsam mit Colin Eimer und Elli Tikwah Sarah Herausgeber ist. Der Titel werde dem enormen Einfluss gerecht, den Magonet als Rabbiner und Direktor des Londoner Leo Baeck College auf seine Schüler und Wegbegleiter ausübte.

Als Vertreter eines progressiven Judentums war Rabbiner Magonet viel auf Reisen. Mehrere Gastprofessuren führten ihn nach Deutschland, derzeit nimmt der zweifache Vater einen Lehrauftrag in Japan wahr. Mehr als 40 Wissenschaftler und Rabbiner aus der ganze Welt haben Essays für die über 500 Seiten starke Festschrift verfasst, die ihm im Herbst in London noch ein weiteres Mal offiziell überreicht wird. Sie ist in Anlehnung an die Thora in fünf Kapitel eingeteilt: Bibel-Exegese, Liturgie, interreligiöser Dialog, jüdische Kultur und persönliche Erinnerungen.

Auch muslimische Beiträge in der Festschrift
 

Farbenfroh: Die Teilnehmer der Jüdisch-Christlichen
Bibelwoche studieren das Buch Esther ein.

Neben Christen und Juden haben auch Muslime Beiträge zu Ehren des Rabbiners verfasst, der sich als Botschafter der britischen „Maimonides Foundation“ auch für den Dialog zwischen Juden und Muslimen einsetzt.

Versöhnung und Verständnis sind die großen Themen Jonathan Magonets, der vor 45 Jahren als junger Student gemeinsam mit zwei jüdischen Kommilitonen zu den katholischen Bibeltagen in Bendorf am Rhein eingeladen worden war. „Ende der sechziger Jahre war die Erinnerung an die Schoah noch sehr gegenwärtig,“ erinnert sich der 70-Jährige. Eine Reise nach Deutschland sei für viele Juden damals noch eine schwierige Sache gewesen. „Die internationale Jüdisch-Christliche Bibelwoche hatte in den ersten Jahren drei Schwerpunkte: den jüdisch-deutschen Dialog nach dem Krieg, den jüdisch-christlichen Dialog auf der religiösen Ebene und die Hebräische Bibel selbst.“ Mit der Zeit habe man sich immer mehr dem gemeinsamen Studium der Bibel zugewandt.

„Juden und Christen reden in der Bibelwoche gar nicht so sehr darüber, was sie trennt und was sie eint, sondern sie befassen sich mit ihren Wurzeln, nämlich mit dem biblischen Text,“ erklärt Diözesanbeauftragte Uta Zwingenberger, die die Jüdisch-Christliche Bibelwoche vor zehn Jahren ins Kloster Ohrbeck holte. Herzstück der Treffen seien weniger die wissenschaftlichen Vorträge als vielmehr die intensiven Gespräche zwischen Juden und Christen aus unterschiedlichen Ländern und Generationen.

Regine Bruns