07.01.2015

Anna Maria Leenen hat sich für das Eremitentum entschieden

Ein reduziertes, aber glückliches Leben

Das Dach ihres alten Bauernhauses ist verwittert, das Wasser kommt aus dem Brunnen: Maria Anna Leenen ist Konsum nicht wichtig. Sie führt ein Leben als Eremitin und will Gott in der Abgeschiedenheit begegnen. Doch jetzt braucht sie auch die Öffentlichkeit – weil ihre Klause in Gefahr ist.

 

Auch eine Eremitin muss ihren Lebensunterhalt verdienen. Maria Anna
Leenen verziert unter anderem Kerzen und verkauft sie. Ihr Gesicht
möchte sie nicht so gern in die Kamera halten. Foto: kna-bild

„Wenn Sie das Ziegengehege sehen, sind Sie richtig.“ Nur noch an der hellgelben Kirche vorbei, dann rechts auf die Landstraße, bis links ein kleiner Weg auftaucht. Den jedoch nicht rein, sondern erst 100 Meter weiter links in den kleinen Feldweg. Das Navi hat schon längst den Dienst quittiert. Was wiederum stimmig ist: Warum sollte eine Errungenschaft der Moderne zu einem Ort führen, der nicht so ganz von dieser Welt ist? Wer vermutet mitten in der Norddeutschen Tiefebene 40 Kilometer hinter Osnabrück eine Einsiedelei mit Eremitin, fünf Zwergziegen und einer grau-weißen Katze? Eben: niemand.

Und doch steht es dort, das kleine Bauernhaus mit dem verwitterten Dach, dem Kreuz aus Birkenzweigen davor und einer blauen Dielentür, die dringend einen neuen Anstrich bräuchte. „Dieses Haus ist und bleibt ein Provisorium“, sagt Maria Anna Leenen, Bewohnerin und offiziell ernannte Eremitin des Bistums Osnabrück. „Es tut gut, sich ab und zu daran zu erinnern, dass wir nur eine begrenzte Zeit auf Erden sind. Das relativiert vieles“, findet sie. „Ich muss nicht die neueste Mode tragen. Konsum ist für mich unwichtig.“ Ihre kurzen weißen Haare, das verwaschene Jeanshemd und die einfachen Schuhe sprechen eine eindeutige Sprache.

„Ich bekomme keinen Scheck vom Bischof“

Die 58-Jährige hat sich für ein Leben fernab der Norm entschieden. Sie lebt mit ihren Tieren irgendwo im Nirgendwo auf der Suche nach der Begegnung mit Gott. „Es ist ein reduziertes Leben“, sagt sie. „Ich lese viel in der Bibel und erfahre Gott dort als faszinierendes Geheimnis. In der Stille versuche ich, dem nachzuspüren.“ Dieses Leben hat aber auch seine Schattenseiten. „Stille heißt auch, sich den eigenen Schwächen auszusetzen. Die lassen sich dann nämlich nicht mehr verdrängen.“ Gebet und Arbeit prägen ihren Tagesablauf. Denn Eremiten müssen sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen: „Ich bekomme keinen Scheck vom Bischof.“ So schreibt Leenen Bücher und verziert Kerzen. Mittlerweile kann sie davon leben. Doch es gab auch andere Zeiten.

Als die gebürtige Osnabrückerin 1994 in eine kleine Hütte nahe des jetzigen Hofs zog, um ihr Leben nach den Ordensregeln des heiligen Franziskus in Ruhe und Abgeschiedenheit Gott zu weihen, „habe ich wirklich gehungert“, berichtet sie. Milch habe ihr der Bauer geschenkt, das Wasser sei im Winter in der Vase gefroren. 671,30 Mark hat sie im ersten Jahr verdient. „Es war eine schwierige Zeit, geistlich aber sehr fruchtbar, denn – so paradox es klingen mag – es hat sich gezeigt: Genau das ist dein Weg, das musst du machen“, sagt Leenen. Wie sie dort so sitzt in ihrer kleinen, gemütlichen Küche mit dem knisternden Ofen in der Ecke und einer dampfenden Tasse Tee in den schwieligen Händen, kann man sich nicht vorstellen, dass es je anders war. Maria Anna Leenen strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, wirkt glücklich. „Ich habe meinen Platz im Leben gefunden“, sagt sie. Auch wenn sie zugibt, „schon ein bunter Vogel unter den deutschsprachigen Eremiten“ zu sein.
 

Das Dach ist verwittert, die Dielentür bräuchte dringend einen neuen
Anstrich, aber Maria Anna Leenen mag ihr einfaches Leben. Foto:
Jürgen Flatken

Dabei ist ihr dieses Leben nicht in die Wiege gelegt worden. „Ich hatte ein Leben vor dem Eremitendasein, ein ziemlich wildes sogar“, räumt sie ein. Viel unterwegs sei sie gewesen, habe viel ausprobiert. „In Venezuela wollte ich zusammen mit Freunden schnell reich werden.“ Eine Büffelfarm sollte es sein. Als sie krank wurde und im Bett lag, bekam sie von ihrem Chef das einzige deutschsprachige Buch, das er finden konnte. „Ein Buch über Marienerscheinungen. Das gab er mir, der Protestantin.“ Damals fragte sie sich: „Was soll ich denn mit dem Quatsch?“, fing dann aber doch an zu lesen. „Und dann stand da der Satz, der mein Leben veränderte: Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es hat mich richtig geschüttelt, und ich wusste: Das ist es. Diesen Jesus muss ich haben.“

Zu viel Gehetze, zu wenig Stille und Gebet

Ein langer Suchprozess folgte; 1986 wurde Maria Anna Leenen katholisch. Mittlerweile lebt sie seit 20 Jahren in ihrer Klause, einem uralten Heuerhaus, in dem früher das Gesinde des Bauern untergebracht war. Das Wasser kommt aus einem Brunnen, der Strom aus der Steckdose. Eine Kapelle hat sie auch, in der regelmäßig Gottesdienste stattfinden. Leenen ist eine Verfechterin der Entschleunigung. „Heute zählt nur noch schneller, höher, weiter. Zu viel Gehetze, zu wenig Stille, Gebet. Die Menschen haben alles und sind trotzdem unzufrieden.“

Zurzeit ist ihr Lebensstil allerdings nicht wirklich eremitisch. Ständig ruft wer an, sie gibt Interviews, ist im Radio zu hören. Denn ihre Klause ist in Gefahr. Sie soll verkauft werden. „Wenn ich bleiben will, geht es nicht ohne Öffentlichkeit“, erklärt sie. „Ich brauche 45 000 Euro.“ Sie möchte den Ort für eremitisches Leben bewahren, auch über ihren Tod hinaus. Ein Förderverein hat sich gegründet, um Haus und Grundstück zu kaufen. „Wir sind da auf einem guten Weg“, sagt Maria Anna Leenen. Das sei auch gut so: „Denn wer nimmt uns schon: fünf Ziegen, eine Katze und einen schrägen Vogel?“

Jürgen Flatken

 

 

 

Zur Sache

Das Eremitentum bezeichnet eine der ältesten Formen eines gottgeweihten Lebens und ist kirchenrechtlich anerkannt. Es ist die früheste Form des Mönchtums in Europa. Von Eremiten spricht man eher im geistlichen Zusammenhang, der Begriff des Einsiedlers ist etwas weiter gefasst. Ein Eremit ist ein Mensch, der relativ abgeschieden von den Menschen in einer Klause lebt und sein Leben Gott weiht. In Deutschland soll es 80 bis 90 Eremiten geben, jedoch leben nicht alle allein. Es gibt auch in Orden und Klöstern organisierte Eremiten wie zum Beispiel die Kartäuser. (fl)

Weitere Informationen zur Klausenkapelle St. Anna und zum Förderverein gibt es unter www.klausenkapelle.de