02.11.2016

150 Jahre Kolpinghaus in Osnabrück

Eine Heimat für viele Gesellen

Gesellen, Heimatvertriebene, Langzeitarbeitslose, Pflegeeltern oder Studenten: Sie alle haben im Kolpinghaus in Osnabrück mal Hilfe, mal ein Zuhause oder mal einfach nur Zeit für ein kühles Bier gefunden. Diese Tage feiert das Kolpinghaus sein 150-jähriges Bestehen und schaut zurück auf eine bewegte Geschichte.

 

Gesellen aber auch Heimtavertriebene haben hier im Laufe der Zeit ein Zuhause gefunden. Foto: K. Kolkmeyer

Im November 2013 machten Bauarbeiter in Israel eine ziemlich große Entdeckung. Sie stießen auf 10.000 Jahre alte Gemäuer und damit auf die Überreste des ältesten Wohngebäudes. Nie zuvor wurde ein Haus entdeckt, das auf das achte Jahrtausend vor Christus zurückgeht. Gegen dieses hohe Alter kommt das Kolpinghaus nicht an. Trotzdem: Auch auf 150 Jahre kann man stolz sein, erst recht wenn sich dahinter eine bewegte Geschichte verbirgt. So feiert der Verein „Kolpinghaus Osnabrück“ am 12. November das 150-jährige Bestehen des Hauses.

Die Geschichte des Gebäudes beginnt im Jahr 1859, als der katholische Gesellenverein zu Osnabrück (aus dem Zusammenschluss der Gesellenvereine entstand 1935 das Kolpingwerk) gegründet wird. Zuerst arbeitet der Verein in angemieteten Räumen, bis am 4. November 1866 das erste Gesellenhaus nicht weit vom Schloss eingeweiht wird. Schnell wird das Haus zum Zentrum des Vereinslebens und für viele Gesellen zur Heimat. Auch viele andere katholische Vereinigungen nutzen in dieser Zeit das Haus, wie Gerd Holtkotten in einer Festschrift, die von Dom Medien produziert wurde und jetzt erschienen ist, berichtet.

„Wer Mut zeigt, macht Mut“

In der Broschüre skizziert er die Geschichte des Hauses. Beispielsweise, wie es 1937 von der Gestapo geschlossen, wie es am Ende des Krieges fast vollständig zerstört, mit viel Energie und Mut schnell wieder aufgebaut und dann in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zu einer wichtigen Unterkunft in der Stadt wird: ob für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer oder später für Spätaussiedler, Gastarbeiter oder Auszubildende. „Wer Mut zeigt, macht Mut.“ Dieses Wort von Adolph Kolping ist passend zu dieser Geschichte das Leitwort zum 150-jährigen Bestehen.
 

150 Jahre hat das Kolpinghaus in Osnabrück auf dem steinernen Buckel.
Foto: Medienzentrum OS

Heute wohnen keine Gesellen oder Auszubildende mehr im Haus. Auch die Kolpingsfamilien der Stadt orientieren und engagieren sich vornehmlich in ihren Heimatgemeinden. Das Leben im Osnabrücker Kolpinghaus ist dennoch bunt und vielseitig geblieben. Dafür sorgen die Mieter, die mittlerweile im Gebäude eine Heimat gefunden haben. Sichtbarster Mieter für Spaziergänger ist seit 1988 die Gaststätte „Balou“. „Probiers mal mit Gemütlichkeit“, das Motto des Bären aus dem Dschungelbuch ist auch in der Kneipe Programm. Generationen von Studenten haben sich im „Balou“ schon auf ein Bier verabredet. Und nicht nur die. An Championsleague- und Bundesligaspieltagen treffen sich hier Fußballexperten, um fachmännisch über das Spielgeschehen auf dem Rasen zu fachsimpeln. Und natürlich kühle Getränke zu genießen.

Größter Mieter im Kolpinghaus ist seit 2002 aber die Katholische Familienbildungsstätte Osnabrück (FABI). Vor deren Einzug wurde vieles im Haus umgebaut. Ein großer finanzieller Aufwand für den Verein. „Aber er hat sich gelohnt“, wie Hermann Glandorf betont, Vorsitzender des Vereins Kolpinghaus Osnabrück, der das Haus verwaltet. Es entstand ein moderner Bildungsbau mit vielen unterschiedlichen Räumlichkeiten, verteilt auf 2000 Quadratmeter. „Wir können hier Bildungs- und Begegnungsangebote ins Leben rufen, die vorher nicht möglich waren“, sagt Maria Aep­kers, die Geschäftsführerin der FABI. „So können wir das soziale Engagement Adolph Kolpings im Kolpinghaus auf unterschiedliche Arten weiterleben lasen.“

Haus mit christlichem Gesicht im Zentrum

Das Angebot der FABI erstreckt sich von Seminaren und Treffs für Familien, über Projekte für Arbeitsuchende bis hin zu wohnortnahen Kinder- und Jugendhilfeprojekten. Mit den offenen Treffs, dem Bistro im Foyer und dem täglichen Mittagstischangebot der FABI und der Gaststätte ist das Kolpinghaus zu einem Ort der Begegnung im Zentrum Osnabrücks geworden. Mit einem sozialen und christlichen katholischen Gesicht. Dafür sorgen auch die weiteren Mieter im Haus. Beispielsweise das Diözesanbüro des Kolpingwerks, die Zentralrendantur des katholischen Kirchengemeindeverbandes Osnabrück, das Büro des Stadtdekanats oder auch der Fachbereich Adoptions- und Pflegekinderdienst des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF). Trotz der vielen neuen Mieter hat das Kolpinghaus seine Wurzeln aber bis heute nicht vergessen. Seit einigen Jahren gibt es wieder Zimmer, die Wandergesellen für die Übernachtung zur Verfügung stehen.

Daniel Gerber

Am 12. November wird um 10 Uhr ein Festgottesdienst in der Pfarrkirche St. Johann gefeiert. Anschließend ist ein Empfang im Kolpinghaus. Festredner ist Hans-Gert Pöttering, ehemaliger Präsident des Europaparlaments.