16.09.2011

Einladung durch den Bundespräsidenten

Eine Muslima fährt zum Papstbesuch

Diese Frau lässt sich in keine Schublade stecken: Halime Cengiz trägt ein Kopftuch – und gewinnt den Bremer Integrationspreis. Sie hat keine Berufsausbildung – und hält Seminare an der Universität. Jetzt fährt die Muslima auch noch zum Papstbesuch.

 

Halime Cengiz mit der Papsteinladung

Halime Cengiz hält ihre „Fahrkarte“ nach Berlin stolz in den Händen: Bundespräsident Christian Wulff persönlich hat die Bremerin zum Papstbesuch eingeladen. Golden glänzt der Bundesadler auf dem Papier. Dass Halime Cengiz diese Ehre zuteil wird, liegt daran, dass sie in Bremen eine Vorbildrolle übernommen hat. Die 45 Jahre alte Muslima ist stellvertretende Vorsitzende des Bremer Rates für Integration und als erste Migrantin Mitglied im Rundfunkrat von Radio Bremen. Für ihr Engagement im interreligiösen Austausch erhielt sie 2006 den Bremer Preis für Integration. Darüber hinaus arbeitet sie ehrenamtlich in Kitas, Schulen und Sportvereinen. Sie hat sich weitergebildet als Leiterin für Sport- und Familienbildungskurse für Migrantinnen, betreut die Mädchen-, Frauen- und Dialogarbeit in der Bremer Mevlana-Moschee.

„Integration gelingt auch mit Unterschieden“

Halime Cengiz, das freundliche runde Gesicht umrahmt von einem Kopftuch, macht nicht viel Aufhebens um ihre Person. Sie redet lieber über das, was sie erreicht hat und noch erreichen will. Integration, sagt sie, sei keine Einbahnstraße. „Wir müssen sie gemeinsam gestalten, und das gelingt auch mit Unterschieden. Niemand muss seine Identität und Religion dafür aufgeben.“ Heißt: Jeder Mensch sollte so akzeptiert werden, wie er ist. Schon lange vor dem 11. September 2001 regte Halime Cengiz im Stadtteil Gröpelingen zu interreligiösen Gesprächen an. Daraus entwickelte sich ein regelmäßiger Friedensgang – mit Gebeten in der katholischen Kirche, in der Moschee und im evangelischen Gotteshaus. Anschließend kommen die teilnehmenden Frauen und Männer ins Gespräch.

„Anfangs haben wir die Menschen sanft gedrängt, sich an einen Tisch zu setzen.“ Halime Cengiz lächelt, denn das Ergebnis bestärkt sie in dem Gefühl, alles richtig gemacht zu haben: „Heute grüßen sich viele Christen und Muslime auf der Straße. Das ist nur eine kleine Geste. Sie zeigt aber, dass Vertrauen wachsen kann. Wer miteinander Tee trinkt, hat keine Angst mehr voreinander“, sagt sie – und erwähnt auch die Unsicherheit auf Seiten der Muslime. „Jeder Terroranschlag, den radikale Muslime verüben, trifft auch uns. Es schmerzt, wenn wir auf der Straße als potenzielle Täter angesehen werden. Manchmal sagen Blicke mehr als Worte.“

Als Kind von Gastarbeitern findet Halime Cengiz 1969 in Deutschland eine neue Heimat. Sie ist das erste türkische Mädchen, das im Arbeiterstadtteil Gröpelingen ein Gymnasium besucht. Doch die Eltern fürchten, dass ihre Tochter „zu deutsch“ wird. Sie nehmen sie nach Abschluss der zehnten Klasse von der Schule. Halime Cengiz ist damit nicht einverstanden, fügt sich aber. Später heiratet sie, bekommt drei Kinder, führt „eine glückliche Ehe“.

Heute könne sie das Verhalten ihrer Eltern nachvollziehen. „Es war typisch für die damalige Zeit, sie hatten Angst, mich zu verlieren.“ Ihre eigenen Kinder können frei wählen – nicht nur, was den Beruf angeht. Die 18-jährige Tochter zum Beispiel trägt kein Kopftuch, weiß aber, dass es ein religiöses Gebot ist. „Unsere Religion sagt uns, dass wir uns verhüllen sollen, aber jedes Mädchen, jede Frau muss selbst entscheiden“, sagt Halime Cengiz, Kein Mann oder Vater habe das Recht, einer Frau das Tuch aufzuzwingen.

Vereint: Gartenzwerg und Uhr mit Gebetsruf

Ihre vielen Ehrenämter bieten auch Chancen zur Begegnung. Unter anderem gestaltet Halime Cengiz eine Lerneinheit „Interkulturelle Kommunikation“ an der Krankenpflegeschule im Krankenhaus Bremen-Ost. Wenn sie von Schülerinnen dann hört, dass die Vorurteile weniger geworden sind, freut sich Halime Cengiz. Auch dann, wenn Akademiker nach einem Uni-Seminar zum interreligiösen Dialog sagen: „So, wie Sie uns den Islam vorstellen, kennen wir ihn gar nicht.“  

Halime Cengiz hält nichts von Schubladendenken und lässt sich selbst in keine Schublade stecken. In ihrem Haus hat der Gartenzwerg ebenso seinen Platz wie die Uhr mit Gebetsruf. Die Muslima weiß um das Imageproblem Gröpelingens. Wer sich aus diesem Stadtteil bewerbe, habe oft von vornherein keine Chance. Schublade auf und gleich wieder zu. Viele Talente blieben unentdeckt, klagt Halime Cengiz und betont: „Migranten müssen in unserer Gesellschaft sichtbarer werden – und zwar nicht durch Negativschlagzeilen in den Medien. Wir müssen sie anspornen, mehr aus ihrem Leben zu machen.“

Anja Todt