17.11.2015

Schulklassen und Jugendgruppen entdecken das Pilgern

Einfach mal weg sein

Pilgern wird immer beliebter: die Erfahrung von Natur, von Einfachheit, die körperliche Herausforderung, das Erleben eigener Grenzen, miteinander zu beten und Gemeinschaft zu erfahren, – das alles hat seinen Reiz, auch für Jugendliche.

 

Beim Pilgern ist Zeit, über vieles nachzudenken und ins Gespräch zu kommen. Foto: privat

32 Kilometer – sichtlich stolz blicken die Jugendlichen auf das zurück, was sie an diesem Wochenende geschafft haben. „Es war mega-anstrengend, aber gut“, so das einstimmige Fazit. Drei Tage lang waren Meppener Firmlinge auf dem Hümmlinger Pilgerweg im nördlichen Emsland unterwegs. 32 Kilometer sind sie gegangen, zu Fuß, durch Wälder und Felder, über Stock und Stein. Drei Tage ohne Smartphone und Fernseher, ohne Auto und Fahrrad, ohne Ablenkung, nur mit der Gruppe und sich selbst. Eine ganz neue Erfahrung.

Pilgern? Was ist das? Wie kann das gehen? Neugierig, aber ohne konkrete Vorstellungen hatten sich die Jugendlichen im Rahmen der Firmvorbereitung für das neue Pilgerprojekt der Pfarreiengemeinschaft Meppen-Ost entschieden. „Es waren so viele Anmeldungen, dass wir die Gruppe sogar teilen mussten“, erzählt Gemeindereferentin Katharina Lammers. Rauszukommen, sich zu bewegen, nicht wie in der Schule am Tisch sitzen zu müssen, diese Vorstellung hatte die jungen Menschen begeistert. Erste Bedenken verflogen beim Gehen sofort. „Wir sind so schnell ins Gespräch gekommen. In den Pausen gab es Denkanstöße und Impulse zu Themen wie Gott und Jesus, Firmung, Vorbilder im Glauben und  persönlichen Anliegen. Wir sind gemeinsam unterwegs, das war stark zu spüren“, so die Katechetin.

Pilgern ist „in“, nicht nur auf dem spanischen Camino, sondern auch auf deutschen Pilgerwegen. Historische, fast vergessene Strecken, meist Jakobswege, erfreuen sich neuer Beliebtheit. So verzeichnet auch der niedersächsische Pilgerweg von Loccum nach Volkenroda steigende Anmeldezahlen – auch von Jugendgruppen. „Sie sind eine richtig gute Gruppe für das Pilgern. Denn in seiner Einfachheit bietet es den kompletten Gegenentwurf zu ihrem Alltag, der heute geprägt ist von Konsum, Unterhaltung, Schnelllebigkeit“, erklärt Susann Röwer, die bei der Evangelischen Landeskirche Hannover für die Organisation auf dem  Pilgerweg zuständig ist. Rückmeldungen seien durchweg positiv: „Durch die Entschleunigung entsteht da was – schon in kurzer Zeit.“

Gedanken, Strapazen, Essen – alles wird geteilt

Mit Pilgerstab und Rucksack macht sich
Christian Thien regelmäßig mit Jugend-
lichen auf den Weg. Foto: Astrid Fleute

Dass Pilgern die Gruppendynamik stärkt, erfährt auch Christian Thien regelmäßig. Er leitet den Marstall  Clemenswerth in Sögel, eine Jugendbildungsstätte des Bistums Osnabrück, die seit zwei Jahren auch Pilgerherberge ist. Speziell für Firm- und Schülergruppen hat er Programme entwickelt, die zunehmend nachgefragt werden – wie auch von den Meppener Firmlingen. „Auf dem Weg reden die Jugendlichen wieder miteinander, sie singen, um sich über den Weg zu tragen, sie ertragen sich selbst und die Gruppe, sie teilen miteinander – Gedanken, Strapazen und das Essen“, erzählt Thien, der selbst vor Jahren das Pilgern für sich entdeckt hat.

„Pilgern, das ist unterwegs zu sein mit Höhen und Tiefen, ähnlich wie beim Joggen. Man kommt in einen wunderbar ruhigen Zustand und entwickelt eine ganz andere Offenheit für alles, was einem unterwegs begegnet, Menschen und Natur“, schwärmt er. „Vieles, was auf den herkömmlichen Besinnungs- und Schulgemeinschaftstagen mit Schülern oft mühselig erarbeitet wird, geschieht auf dem Weg von ganz alleine.“ Jeder Tag biete andere Landschaften, neue Impulse. „So kommen wir auf einer Etappe des Hümmlinger Pilgerwegs an einem jüdischen Friedhof vorbei. Da liegt das Thema Tod und Sterben auf der Hand.“

Lebensfragen, Zukunftspläne, Sorgen und Ängste – auch Ludger Bogers-Hundrup führt stets intensive Gepräche, wenn er mit Firmlingen seiner Pfarrei auf Pilgertour geht. Der Katechet ist immer wieder erstaunt, wie schnell und leicht sich die Jugendlichen aufeinander einlassen, sich unterwegs Gespräche ergeben. Seit einigen Jahren bietet der Religionslehrer in Fürstenau im Osnabrücker Land im Rahmen der Firmvorbereitung eine Pilgertour am ersten Fastenwochenende an. „Auf unserer ersten Etappe gehen wir wirklich nur durch Moor, Wald und Wiesen. Wir sind dem Wetter ausgeliefert. Es ist total einsam. Übernachtet wird in einem Gemeindehaus mit Schlafsack und Isomatte.“ Gerade dieses einfache Unterwegssein schaffe sofort eine Vertrauensbasis: durch eigene Impulse könnten die Jugendlichen auch eigene Themen setzen. „Das ist viel intensiver. Alle sind durch die Bank weg total begeistert.“ Mit einer Schulklasse könne er sich so ein Pilgerprojekt allerdings nur auf freiwilliger Basis in Form eines Projekttages vorstellen. „Es muss freiwillig sein, sonst kann es nach hinten losgehen“, ist er überzeugt.

Astrid Fleute

 

 

Zur Sache

Ab der achten Klasse oder einem Alter von 13 bis 14 Jahren empfehlen Experten das Pilgern mit Jugendgruppen oder Schulklassen. Für Lehrkräfte bieten auch die Schulabteilungen der Bistümer im Rahmen von Fortbildungen Anregungen, wie man erste Pilgererfahrungen mit Schülern machen kann. Auch ökumenisch können hier gut Akzente gesetzt werden. Tipps zur Vorbereitung eines Pilgerprojektes erteilt unter anderem Angelika Klasen-Kruse, Referentin für Schulpastoral beim Bistum Osnabrück, unter Telefon 05 41/31 83 55.

Das Netz an Pilgerwegen und -herbergen wird jährlich ausgebaut, so dass es auch im Nordwesten Deutschlands mittlerweile viele Möglichkeiten gibt, kurze oder längere Etappen zu pilgern. Eine kleine Übersicht an Wegen und Ansprechpartnern:

www.deutsche-jakobswege.de
www.pilgern-im-norden.de
www.marstall-clemenswerth.de