27.05.2016

Kommentar

Engagiert und nüchtern

"Angst und Panik" - so beschreibt das Hilfswerk "Open Doors" die Stimmung unter den Christen in deutschen Flüchtlingsheimen. Doch bei so pauschalen Urteilen ist Vorsicht geboten. Ein Kommentar von Roland Juchem.

Als das christliche Hilfswerk „Open Doors“ am 9. Mai seine groß angekündigte Befragung zur Lage von Christen in deutschen Flüchtlingsheimen vorstellte, sprach es von einem „Klima der Angst und Panik“ in diesen Unterkünften. Die 231 Fälle, die dokumentiert werden, seien nur die Spitze des Eisbergs. Fast 40 000 Flüchtlinge würden wegen ihres Glaubens drangsaliert – in Deutschland, von Muslimen.

Die Studie sorgte für Aufsehen – und tut es noch. Diese Zeitung hat sie Mitte Mai nicht mehr aufgegriffen, weil wir genau dieses Thema eine Woche zuvor auf einer ganzen Seite behandelt haben. Offen – aber auch differenzierter, als es das eher evangelikal inspirierte Hilfswerk tut. Wie sich nun zeigt, mit Recht.

So berichtet die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, die Organisation habe eingeräumt, dass bei der „deutschlandweiten Befragung“ 152 der 231 genannten Fälle, knapp zwei Drittel aller Fragebögen, aus einer Berliner Gemeinde stammen. Auch werden einzelne dokumentierte Konflikte von den betroffenen Heimleitern ganz anders geschildert. Des Öfteren sei aber auch Religion gar nicht der Anlass für einen Konflikt gewesen.

Das wesentliche Anliegen der Open-Doors-Studie soll damit nicht diskreditiert werden. In deutschen Unterkünften werden Angehörige religiöser Minderheiten diskriminiert, allerdings nicht nur Christen. Es sind auch mehr als wenige Einzelfälle. Aber von flächendeckender, gar systematischer Verfolgung kann keine Rede sein. Darf auch nicht die Rede sein, solange so etwas nicht stattfindet.

Wenn es um verschiedene Kulturen, um den Islam, um Asyl geht, sind Stimmungen in Europa inzwischen so aufgeheizt, dass Sachlichkeit und  Nüchternheit dringend geboten sind. Was ist, muss benannt werden. Doch ebenso das, was nicht ist.

Mit Recht empören sich Menschen über Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Werden solche Missstände aber überzeichnet – oder umgekehrt gänzlich verschwiegen –, dann werden Befragungen und Studien ebenso wie Medienberichte unglaubwürdig.

Das schadet dem berechtigten Anliegen, in diesem Fall dem Schutz religiöser Minderheiten. Oder aber die Übertreibungen lassen Stimmungen so eskalieren, dass die Folgen – etwa Übergriffe oder gar Pogrome gegen Muslime oder welche vermeintlich Schuldigen sonst – mindestens ebenso schlimm sind wie die kritisierten Missstände. Engagement und Sachlichkeit schließen sich nicht aus. Die Gerechtigkeit fordert Kopf und Herz, jedoch keinen Schaum vorm Mund.

Von Roland Juchem