08.10.2013

Abenteuer Familienforschung

Es gibt nicht nur Heldengeschichten

Woher komme ich, wer waren meine Vorfahren? Mehr darüber wissen zu wollen, ist ein urmenschliches Bedürfnis. Dirk Weissleder, Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft genealogischer Verbände, spricht über die Sehnsucht der Deutschen nach Heimat und das spannende Abenteuer, die eigene Familiengeschichte zu entdecken.

 

Familienforschung - durchaus ein Hobby mit Suchtcharakter. Foto: Jörg Sabel

Herr Weissleder, warum wollen immer mehr Deutsche ihre familiären Wurzeln erforschen?

Es gibt den schönen Satz: „Der Markt verlangt Räder, die Menschen brauchen Wurzeln.“ Heißt: Im Arbeits- und auch im Familienleben sollen wir mobil und flexibel sein. Aber wir wollen auch wissen, woher wir kommen, wo wir hingehören. Darüber definieren wir uns, denn Familie ist der Urbegriff der Heimat. Wir sind ja nicht vom Himmel gefallen.

Warum ermutigen Sie Menschen, sich mit Familienforschung zu beschäftigen?

Weil wir in einem extremen Wettlauf mit der Zeit sind. Die Zeitzeugen sterben, wir können die Biografien vieler Menschen nur noch mittelbar konstruieren. Besser ist es aber, wenn ich die Quellen, beispielsweise die Großeltern, selbst fragen kann. Ich persönlich habe mich schon sehr früh für Genealogie interessiert, mit etwa 13, 14 Jahren. Einige meiner Vorfahren kommen aus dem Ostharz, und ich habe herausgefunden, dass ich Teil einer großen Bauernfamilie bin, die dort seit 400 Jahren ansässig ist. Dadurch habe ich ein ganz anderes Verhältnis zu Begriffen wie Heimat, Familie und Politik bekommen. Der Blick weitet sich.  Genealogie ist ein persönlicher Zugang zur Geschichte. Gott sei Dank leben wir nicht mehr in einem Zeitalter, in dem Ideologien eine Rolle spielen. Diesen geschichtlichen Ballast tragen wir natürlich mit uns herum, aber die heutige Generation schaut auch nach vorn. Das ist das Entscheidende.

Was kann ein Familienforscher über sich selbst und das eigene Leben lernen?

Er erkennt, dass es etwas vor ihm gab und hofft, dass es etwas nach ihm gibt. Man verdankt ja das Leben nicht sich selbst. Familienforschung hat auch mit der grundlegenden Selbsterkenntnis zu tun, dass das eigene Leben endlich ist. Außerdem wird deutlich, dass Tradition und Verantwortung weitergegeben werden. Man ist Teil einer langen Kette. Es geht vor allem darum zu wissen: Wer genau war Teil dieser Kette? Wo lebten die Vorfahren und unter welchen Umständen? Das ist das Spannende. Wir brauchen das genealogische Gerippe, um die Menschen dahinter überhaupt erst zu entdecken.
 

Dirk Weissleder ist einer der bekanntesten
Genealogen in Deutschland. Foto: Stefan
Simonsen

Wie packt man dieses besondere Hobby am besten an?

Mit einem Stift und einem Blatt Papier: den eigenen Namen notieren, Geburtsdatum, Geburtsort, ob man getauft ist oder nicht. Dann geht es weiter mit den Eltern, Großeltern und so weiter. Grundsätzlich sollten zuerst Zeitzeugen befragt werden. Wer dann nicht mehr weiterkommt, kann sich in Standesämtern oder  Einwohnermeldeämtern informieren; wenn es um Daten vor dem Jahr 1876 geht, in Kirchenbüchern, einem besonderen Schatz, der bis ins 16. Jahrhundert reicht. Familienforschung ist ein Hobby mit Suchtcharakter, man will immer mehr wissen.

Manchmal stößt man dabei auch auf dunkle Kapitel der Vergangenheit ...

Man sollte Genealogie nicht betreiben, um sich damit zu schmücken, sondern sollte sie als Bereicherung und Horizonterweiterung des eigenen Lebens sehen. Nehmen Sie gewisse Dinge unvoreingekommen zur Kenntnis und verstehen Sie sie zeitgeschichtlich, ohne sie akzeptieren zu müssen. Ich fände es auch nicht schön, unter meinen Vorfahren einen KZ-Wärter zu haben. Aber es gibt eben nicht nur Heldengeschichten. Genealogie hat zudem etwas Völkerverbindendes: Vor drei Jahren fand erstmals ein deutsch-niederländischer Genealogentag statt. Da haben sich niederländische Kinder deutscher Soldaten zu ihrer Geschichte bekannt. Sehr berührend!

Interview: Anja Sabel

Dirk Weissleder und Roman Rose sind Autoren des Buches „Genealogen sind verrückt, ... wenn sie die heutigen Chancen nicht nutzen“. Erhältlich für 9,90 Euro über www. forum-familiengeschichte.de