20.11.2015

Kommentar

Freiheit kostet

Terroranschläge sind der bittere Preis unserer Freiheit - und doch kann es keinen anderen Weg geben, als den Dialog zwischen den Kulturen. Zu den Terroranschlägen in Paris kommentieren Susanne Haverkamp und Ulrich Waschki.

Auf einmal ist er da, der Terror. Anschläge in Beirut? Im Irak? In Afghanistan? Oder auch in der Türkei? Sie scheinen dort fast zum Alltag zu gehören. Und nun Paris. Europas 11. September. Terroristen schlagen im Herzen einer europäischen Großstadt zu. Scheinbar zufällig, willkürlich, ohne konkrete Vorwarnung. Ob man das nun Krieg nennt oder nicht – die vermeintlichen Gotteskrieger tragen mit ihren Waffen und Bomben tödliche Gewalt in Regionen, in denen Frieden herrscht. Sie scheren sich dabei nicht um Kriegsregeln oder Frontverläufe. Tod und Zerstörung sind ihr Ziel. Dabei zielen sie nicht nur auf die westliche Kultur, sondern greifen die ganze Menschheit an. Denn nur der Islam, wie sie ihn verstehen, hat für die Täter ein Lebensrecht.

Und wir? Fühlen uns ausgeliefert. Die Wahl des Restaurants fürs Abendessen konnte am vergangenen Freitag die Wahl zwischen Leben und Tod bedeuten. Natürlich muss jetzt geprüft werden, ob es Lehren aus den Ereignissen gibt, um solche Attentate künftig zu verhindern. Dennoch: Ähnliche Angriffe auf zufällige Opfer kann es immer wieder geben. Das ist der Preis unserer Freiheit. Eine bittere, aber längst bekannte Lehre. Selbst Diktatoren schaffen es bei aller Gewalt und Überwachung nicht, Gegner ganz auszuschalten. Unseren freiheitlichen Staaten stehen – zu Recht – diese Mittel nicht zur Verfügung. Es gibt keine vollständige Überwachung. Staaten lassen sich nicht komplett abriegeln und terroristische Hirne brüten immer neuen Wahnsinn aus. Totale Sicherheit gibt es nicht.

Von Ulrich Waschki
 
 
 
Diesmal haben sich viele muslimische Gruppen, Imame und Religionsführer sehr schnell distanziert. Zu brutal, zu barbarisch, zu menschenverachtend war die Tat der IS-Terroristen.

Nicht, dass sie diese Distanzierung stören würde. Bei aller Liebe zum Dialog: Das Regime des „Islamischen Staates“ wähnt sich im Recht, weder strenge noch gute Worte werden das ändern – Bomben übrigens auch nicht. Der IS ist – anders als andere Konfliktparteien der Welt – über Gespräche oder Verhandlungen nicht zu überzeugen oder auch nur zu mäßigen. Die Terroristen haben kein Ziel, über das man reden könnte, denn sie wollen nur Schrecken verbreiten. Und bei Menschen, denen jeder gute Wille fehlt, ist eigener guter Wille vergebens.

Anders die überwältigende Mehrheit der Menschen muslimischen Glaubens bei uns in Europa und anderswo. Sie pauschal in eine gewalttätige Ecke zu stellen, würde wenig nutzen, aber sehr viel schaden. Türken, die seit Jahrzehnten bei VW am Band stehen, Mitschüler unserer Kinder, die Syrerin, die vor dem IS geflohen ist: Sie alle wollen Frieden und Freiheit. Sie verabscheuen die Morde in Paris nicht weniger, als Christen oder Atheisten es tun. 

Mit ihnen, den Muslimen guten Willens, im Gespräch zu bleiben, ist deshalb mehr denn je eine wichtige Aufgabe. Auf der Ebene der Leitungskräfte genauso wie auf der Ebene der Pfarreien und Moscheegemeinden und im täglichen Miteinander in der Dönerbude, beim türkischen Gemüsehändler oder im Kindergarten.

Von Susanne Haverkamp