08.09.2015

Zum „Jahr des Aufatmens“

Gegen die „Tyrannei der Beschleunigung“

Im Vorfeld zum bistumsweiten „Jahr des Aufatmens“ sprach Friedhelm Hengsbach im Forum am Dom zum Thema „Die Zeit gehört uns!“. Mit dieser Kampfformel stellte der Wissenschaftler und Jesuit Auswege aus der Beschleunigungsdynamik des Alltags dar.

Pater Friedhelm Hengsbach ist Jesuit.                                 Foto: Stefan Buchholz

Ständige Erreichbarkeit am Handy, Termindruck im Privatleben und Rufbereitschaft für immer mehr Arbeitnehmer und die Ausweitung von Samstags- und Sonntagsarbeit. Für Hengsbach sind das die typischen Merkmale einer „Tyrannei der Beschleunigung“. Sie greife rapide um sich und erfasse alle Lebensbereiche. Nichts bleibt davon verschont, zählte Hengsbach auf. „Beethoven hat die „Eroica“ als ein 60-minütiges Werk komponiert, heute wird sie schon um 20 Minuten schneller gespielt.“

Doch was sind die Ursachen der allgemein spürbaren Atemlosigkeit? Hengsbachs Hypothese: Die informationsgestützten Finanzmärkte hätten einen Beschleunigungsdruck ausgelöst, der nach und nach börsennotierte Unternehmen, die Entscheidungsprozesse der Staaten, die Arbeitsverhältnisse und die Privatsphäre beeinflusst habe. Auf den Aktienmärkten vertretene Unternehmen seien heute nur noch auf kurzfristige Ertragsraten fixiert, lautete Hengsbachs Analyse. „Und von den Regierenden wurden bis vor kurzem die Finanzmärkte als fünfte Gewalt einer ,marktkonformen‘ Demokratie akzeptiert.“ Weil die Politik auf die Stimmen der Finanzmarktakteure gehört habe, hätten sich zudem die Entscheidungsprozesse beschleunigt. Die Folgen: Entregelte Arbeitsverhältnisse, meinte Hengsbach. „Befristete und Leiharbeitsverträge, prekäre und niedrig entlohnte Beschäftigungen haben zugenommen. Die durchschnittliche Arbeitszeit der Vollzeiterwerbstätigen liegt heute bei 42 Wochenstunden.“

Die „innere Bekehrung“ allein reicht nicht aus

Wie aber aus diesem scheinbaren Teufelskreis entrinnen? „Solange Menschen nicht aufstehen und sagen: Wir machen nicht mehr mit, solange gibt es keine strukturellen Änderungen“, sagte Hengsbach. Allerdings: Nur die „innere Bekehrung“, die persönliche Weigerung sich Eigenzeit zurückzuerobern, reiche nicht, meinte der Jesuit. Reines Nichtstun, Muße und zweckfreie Meditation seien zwar erste Schritte hin zu mehr Zeitautonomie. Hinzu müsse aber die „Rückkehr zu bewährten Verfahren“ kommen. Es bedürfe beispielweise einer strengen Regulation der Finanzmärkte und der Mitbestimmung im Unternehmen. Ebenso brauche es wieder flächendeckende Tarifverträge und eine Entschleunigung möglich machende radikale Verkürzung der Vollerwerbsarbeitszeit.

Dazu sollte es erstens eine Entlastung der Frauen von unbezahlter Arbeit in der Privatsphäre geben. Zweitens plädierte Hengsbach für eine Halbtagsgesellschaft. Dafür sei eine faire Umverteilung der „gesellschaftlich nützlichen Arbeit“ auf die in unfreiwilliger Teilzeit, befristet oder prekär Beschäftigten sowie der Arbeitslosen nötig. „Das führt zu einer 30-Wochenstundenarbeitszeit für jeden. Ohne das der Lebensstandard sinken müsste“, rechnete Hengsbach vor. Dieses Modell würde den Zeitdruck von den Menschen nehmen.

Stefan Buchholz