17.06.2015

Tobias Hürter hat einen Absturz in den Bergen überlebt

Haarscharf am Tod vorbei

Was geht einem Menschen in den letzten Sekunden seines Lebens durch den Kopf? Tobias Hürter erfährt es am Allerheiligentag 2011. Auf einer Bergtour nahe der Zugspitze stürzt er ab – knapp am Tod vorbei. Dieses Erlebnis und seine Gedanken über die Sterblichkeit hat der Münchener Wissenschaftsjournalist in einem Buch verarbeitet.

 

Das Forum am Dom in Osnabrück hatte Tobias Hürter zu einer Autorenlesung eingeladen. Zuvor nahm sich der Münchener Zeit für ein Kibo-Gespräch. Foto: Jörg Sabel

Auf einmal ist er da, der Tod, so nah wie die Bergstiefel an seinen Füßen, „so gewaltig wie die gleißende Sonne, die mein Missgeschick beleuchtete“. Für einen Augenblick ist Tobias Hürter absolut überzeugt zu sterben. Er hat keine Angst in diesen Sekunden, aber ein tiefes Gefühl des Nichteinverstandenseins: dass es zu früh ist, mit 39 Jahren sein Leben zu verlieren, dass noch so viele Dinge ungeklärt sind, dass seine kleine Tochter, von deren Mutter er getrennt lebt, ohne Vater aufwachsen muss.

Doch dann ist der Tod wieder weg. Nach 37 Metern bremst ein schmaler Absatz den freien Fall. Tobias Hürter bleibt schwerverletzt liegen, stemmt sich mit den Fersen in den Fels. „Wäre ich bewusstlos gewesen, hätte es kein Halten mehr gegeben. Ich wäre über die Kante gestürzt“, sagt er. Seine Freunde alarmieren die Bergrettung, es folgt eine Stunde schmerzhaften Wartens.  Schließlich nähert sich der Hubschrauber. Der Retter, an einem Seil hängend, „schwebte wie ein Engel heran“. Der Verunglückte wird in einen Hüftgurt eingeklinkt, dann ins Klinikum Garmisch geflogen. Hürters rechter Arm ist zertrümmert, der Oberarmknochen in acht Teile zerbrochen. Doch die Ärzte vollbringen ein kleines Wunder. Hand und Arm sind wieder beweglich – woran auch Tobias Hürter lange hart arbeitete.

Die 37 Absturzmeter beschäftigen ihn lange

Das Grauen des Absturzes packt ihn erst im Nachhinein. 37 Meter: So hoch ist ungefähr ein Hochspannungsmast. Wenn man sie im freien Fall zurücklegt, braucht man etwa drei Sekunden und wird von der Erdgravitation auf eine Geschwindigkeit von knapp 100 Kilometer pro Stunde beschleunigt. So war es bei Tobias Hürter nicht. „Ich bin eher hinuntergepoltert, habe daher länger gebraucht und bin etwas sanfter gelandet.“ Doch auch so kommt es ihm wie ein Wunder vor, dass er noch lebt. Immer wieder führt er sich die 37 Absturzmeter vor Augen. Er misst sie mit Schritten aus und schaut aus der zehnten Etage des Hochhauses der „Süddeutschen Zeitung“ in München nach unten. „Es war gar nicht so einfach, von dieser Gewissheit, zu sterben, wieder wegzukommen“, sagt Hürter. Feiertag, gutes Wetter, eine kleine Bergtour mit Freunden – und dann solch ein Unglück. „Unerklärlich daran ist nicht, dass es passiert ist. Unerklärlich ist, dass ich es überlebt habe.“

In einem Buch verarbeitet er dieses Unerklärliche und betrachtet seinen Absturz heute als „guten Freund“, der ihm etwas über den Tod sagt, aber auch über das Leben – das Leben vor und nach dem Tod. Hürter ist überzeugt: „Es tut jedem gut, sich schon zu Lebzeiten näher an den Tod heranzuwagen.“ Und es ist nicht nötig, dafür vom Berg zu fallen.

Unsere Gesellschaft, beklagt er, habe ein seltsames Verhältnis zum Tod. Sie verdränge ihn weitestgehend, dabei sei er der Dramaturg unseres Lebens. „Wirklich anerkannt habe ich den Tod erst jetzt. Erst nachdem er persönlich bei mir vorbeigeschaut hat, bin ich bereit, mein Leben für ihn zu ändern.“

„Es gibt Dinge, die heute wichtiger sind als klettern“

Tobias Hürter wandert noch immer gern, aber er kraxelt nicht mehr auf Berge. Er ist vorsichtiger geworden, obwohl er auch vor dem Unglück nicht leichtsinnig war. Er arbeitet nach wie vor viel, will aber auch Zeit mit der Familie verbringen – mit seiner Tochter aus einer früheren Beziehung, mit seiner Frau, die zwei Kinder mit in die Ehe gebracht hat, und mit dem gemeinsamen Kind. Er sagt: „Ich habe meine Bergtouren genossen, aber es gibt Dinge, die mir heute wichtiger sind als das Klettern.“

Grenzsituationen, sagte der Existenzphilosoph Karl Jaspers, zeigen dem Menschen, wie verletzlich er ist. Erst in solchen Situationen erkennt er, wer er ist. Für Tobias Hürter ist der Absturz eine solche Grenzsituation. Sie bringt ihn dazu, in seinem Buch auch die Geschichte vom Weiterleben nach dem Tod zu erzählen. Hürter ist sich sicher: Nach dem Tod kann es weitergehen. Zwar nicht in einem Himmel, in dem ein Gott mit Rauschebart oder 72 Jungfrauen warten. Aber auf andere, nicht weniger interessante Weise. Zugleich denkt der Katholik Hürter darüber nach, was den Menschen ausmacht. Er glaubt nicht an eine unsterbliche Seele. „Das, was über den Tod hinaus wirkt, ist das, was einem Menschen wichtig ist, wofür er lebt. Seine Gedanken und Gefühle leben in anderen weiter.“

Hat Tobias Hürter noch Angst vor dem Tod? Er denkt kurz nach. „Angst nicht, aber Respekt“, sagt er. Der Tod ist schon etwas Ungeheuerliches. Und eine Art Messlatte für ein gelungenes Leben. „Wenn mir der Tod nahekommt und nicht wieder geht, möchte ich nicht noch einmal das Gefühl haben, dass ich Dinge in meinem Leben nicht zu Ende gebracht habe.“

Anja Sabel

 

Tobias Hürter, „Der Tod ist ein Philosoph. Wie mich ein Sturz vom Berg auf den Sinn des Lebens brachte“, Piper 2013, 17,99 Euro