06.07.2016

Jugendpfarrer Michael Franke über die Rolle des Glaubens und aktuelle Trends im Zeltlager

Handy und Laptop bleiben zu Hause

Ein Sommer ohne Zeltlager ist kein Sommer. Das findet Jugendpfarrer Michael Franke aus dem Bistum Osnabrück. Er erinnert sich zurück an Ferienfreizeiten mit täglicher Eucharistiefeier und ohne Internetverbindung. Wie läuft das heute? Und worauf müssen Gruppenleiter inzwischen besonders achtgeben?

 

Jugendpfarrer Michael Franke.
Bild: Matthias Petersen

Pastor Franke, wie steht es in kirchlichen Zeltlagern eigentlich um den Glauben?

Der Glaube spielt sicherlich eine ganz andere Rolle als vor 30 oder 40 Jahren, als die vielen Kapläne, die es damals gab, mit ihren Messdienern oder mit ihren Jugendgruppen unterwegs waren. Früher gehörten tägliche Eucharistiefeiern und weitere Gebetszeiten ganz normal dazu. Das ist heute nicht mehr so, weil Kinder und Jugendliche in einer ganz anderen religiösen Praxis groß werden. Dennoch ist  die Ferienfreizeit ein ganz prägendes Ereignis für den Glauben: Die Kinder erleben auch andere Jugendliche oder Erwachsene, die selber gläubig sind und ihren Glauben praktizieren, hautnah und über mehrere Tage. Die einfachen Bedingungen, unter denen ein Zeltlager stattfindet, lassen sie merken: Hier spielt wieder Wesentliches eine Rolle. Wenn man Kinder nach tollen Gottesdiensten fragt, sagen sie fast immer: Die in unserem Zeltlager sind immer super.

Warum?

Während Jugendliche den normalen Gemeindegottesdienst oft als etwas erleben, was überhaupt nichts mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hat, passt im Zeltlager das, was wir hören, was wir feiern, was wir singen, was wir beten, genau mit dem zusammen, was wir erfahren: Gemeinschaft, Spaß und Freude an Gottes Schöpfung.
Und wer ins christliche Gemeindezeltlager fährt, soll auch nicht den ganzen Tag betend, frömmelnd, in der Bibel lesend durch die Gegend gehen, sondern so, wie es im Evangelium steht: Jesus sagt: „Ich will, dass ihr das Leben habt und dass ihr es in Fülle habt.“ Das versuchen wir im Zeltlager zu leben.

Was sind die Trends und die spaßigsten Spiele im Sommer 2016?

Neben den Klassikern – Lagerolympiade, Nachtwanderung, Robinson-Tag, Stationsläufe, Gesänge und was es da alles gibt – erlebe ich bei den Gruppenleitern, dass sie immer neue Spiele ausprobieren. Mit den Jahren haben natürlich auch neue technische Möglichkeiten in den Zeltlagern Einzug gehalten. Während früher alles ohne Strom und fließend Wasser lief, ist man heute bestens ausgestattet: von der Musikanlage bis hin zu Videoleinwänden. Gerade die Zeltlager, die am Anfang der Sommerferien unterwegs waren, wollten natürlich EM-Spiele gucken, also scheut man keine Kosten und Mühen, kleine Public-Viewing-Areas aufzubauen. Da hätte man vor 20 Jahren einfach drauf verzichtet.

Wo liegen die Grenzen des digitalen Wandels im Lager?

Die meisten Organisatoren von Zeltlagern bitten die Eltern darum, ihren Kindern keine technischen Gegenstände mitzugeben. Alleine deswegen, weil die Dinger geklaut werden oder kaputt gehen können. Vielen ist es aber auch ein Anliegen, dass die Kids nicht ständig an ihren Smartphones hängen und Whats-App-Botschaften rauskloppen. Da muss man wieder mehr nach draußen gehen und selber singen, selber Gitarre spielen und sich einfach unterhalten. Das ist das, was, glaube ich, den Erfolg eines Zeltlagers ausmacht. Gleichwohl ist ein Handy für eine gute Kommunikation zwischen den Gruppenleitern und der Lagerleitung in Notfällen heute unverzichtbar.
 

Zeltlager der Osnabrücker St.-Matthias-Gemeinde in Lorup. Foto:
Philipp Adolphs

Was machen Lagerleiter bei Notfällen?

Erst mal Ruhe bewahren. Wir haben vor kurzem einen Notfallplan und ein Handbuch für die Vorbereitung von Freizeiten entworfen. Es wird nämlich immer komplexer, auf verschiedene Notfälle zu reagieren. Zwei Gründe spielen da eine besondere Rolle: Die Zahl von Kindern mit Lebensmittelunverträglichkeiten oder anderen besonderen Bedürfnissen und die Sensibilität für Sicherheit, Gesundheit und Wohlergehen der Kinder ist gewachsen. Der andere Grund: Durch die sozialen Netzwerke und neuen Medien verbreiten sich unheimlich schnell alle möglichen Notfallnachrichten und Gerüchte. Da ist es sehr wichtig, dass die Verantwortlichen eine klare Notfallkommunikation auch mit der Presse führen und sich im Vorfeld ein Sicherungssystem überlegen: Habe ich alle Teilnehmerinfos zusammen, erreiche ich die Eltern, wenn irgendwas ist, welche Medikamente muss das Kind einnehmen? Habe ich die Möglichkeit, die Kinder aus dem Zeltlager zu evakuieren oder muss ich, wenn es so weit ist, erst noch lange überlegen?

Welche Notfälle sind das und wie geht man damit um?

Es kann Vorfälle wie Läuse, Wespenstiche, Zecken und Feuer geben. Auch Unfälle wie Ertrinken, Verkehrsunfälle, Vergiftungen, Stromausfall, Unwetter, Explosionen, sogar Kidnapping kann theoretisch vorkommen. Das klingt alles ziemlich skurril, in unserem Handbuch Lösungsansätze dafür anzubieten, gibt aber vielen Verantwortlichen einfach Sicherheit. Darüber hinaus sind die Gruppenleiterschulungen qualitativ echt hochwertig. Leiter sagen zwar oft: „Es ist immer eine Riesenverantwortung, warum tu ich mir das überhaupt an?“ Sie sagen aber auch: „Mensch, ich habe ‘ne Menge Spaß mit tollen Leuten und ich lern ‘ne Menge auch für mich als Person.“ Verantwortung zu übernehmen, in wuseligen und anspruchsvollen Situationen handlungsfähig zu sein, das sind ja alles super Sachen, wo lernt man das sonst?

Interview: Philipp Adolphs

Dokumente und Vorlagen aus dem Notfallhandbuch und nützliche Materialien kann man hier herunterladen. Im aktuellen Kirchenboten berichten wir außerdem über ein wortwörtlich zauberhaftes Zeltlager.