23.10.2012

Märchen machen mutig und stark

In jedem Aschenputtel steckt ein Königskind

Kinder brauchen Märchen, behaupten Pädagogen und Psychologen. Als „Superdoping für Kindergehirne“ bezeichnet sie sogar der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther. Märchen regen die Fantasie an, sie machen stark, mutig und selbstbewusst. Und sie können vom Reich Gottes erzählen.

 

„Auch ich bin eine Prinzessin mit Krone." Märchen geben Kindern
Selbstbewusstsein. Foto: Conny Sandvoß

Wenn Conny Sandvoß Märchen erzählt, ist es mucksmäuschenstill im Raum. Die Kindergarten-kinder lauschen gespannt. Egal ob beim „süßen Brei“, den „drei Böcken Brausewind“ oder dem  „Goldenen Schlüssel“ – begeistert reisen sie mit ihrer Erzieherin in eine Welt voller Helden und Bösewichter, Zwergen und Riesen, Hexen und Zauberer. Die ausgebildete Märchenerzählerin aus Lohne im Oldenburger Münsterland weiß: „Kinder lieben Märchen. Sie sprechen bei ihnen eine Ebene an, die klar und logisch ist.“ Denn Märchen kennen keine Zwischentöne. Das kommt Kindern entgegen. Für sie gibt es nur Gut und Böse. Und zu ihrem Gerechtigkeitsgefühl gehört, dass das Gute siegt und das Böse bestraft werden muss.

Dabei bleiben die Kinder aber nicht in der Traumwelt ihrer Helden und Schurken stehen. „Sie bekommen die Verbindung zu ihrem Alltag schnell hin“, so Sandvoß. Mit Märchen könne sie daher mehr als nur unterhalten. Sie kann trösten und ermutigen, stark und selbstbewusst machen, Gemeinschaft kommunizieren und sogar von Gott erzählen. Und das mit allen – Kindern wie Erwachsenen. Denn Märchen „sind die einzige Kunstform, die alle Menschen erreicht“, betont auch Heinrich Dickerhoff, Theologe und langjähriger Präsident der Europäischen Märchengesellschaft.

Märchen sind Lebenshilfe, ohne zu belehren

Er ermutigte jetzt auf einer Tagung auch Religionslehrer und Katecheten, Kindern und Jugendlichen mit Hilfe von Märchen die Botschaft Gottes nahezubringen. Das funktioniere zum Beispiel auch in der Erstkommunion- oder Firmkatechese. „Oft sind die fantastischen Geschichten sogar reizvoller als die realistischen.“ Der Markt der Kinder- und Jugendbücher sei deutlich dominiert von Fantasyromanen: „Davon träumen die Kinder“, so Dickerhoff. Märchen seien dabei Lebenshilfe, ohne zu belehren. „Sie erzählen uns vom letzten guten Hintergrund der Welt, der Sehnsucht nach einem letzten ,Ja‘ hinter allem Dunklen, dem Segen.“ ,Steh auf, trau dich und geh! Du bist geliebt und gewollt‘, laute eine der uralten Weisheiten, die einer tiefen Religiosität entsprängen. Märchen erzählen vom Wunsch nach dem Wunderbaren und dem Verlangen vieler Menschen. „Darum wurden sie immer weitererzählt.“

Im Kindergarten St. Franziskus reist Conny Sandvoß daher regelmäßig mit den Kindern in die Welt der Märchen. Mit dem „Goldenen Schlüssel“ erzählt sie, „dass jeder Mensch ein kostbarer Schatz ist.“ Das Grimmsche Märchen vom „süßen Brei“ macht stark und erzählt davon, dass auch Kinder etwas bewegen könnten. „Der Kloß“ erzählt von Klugheit und Habgier, das baskische Märchen „Der Laminak“ von Gemeinschaft und Kommunion.   „Und mit dem ,Schwertmeister‘ aus Japan kann ich den Kindern zeigen, dass Stärke nichts mit Kraft, sondern mit Herz und Verstand zu tun hat.“

Die Erzieherin hat für viele Situationen Märchen aus aller Welt parat. „In jedem Aschenputtel steckt ein Königskind“, unterstreicht sie die christliche Botschaft. „Es gibt viele Kinder, die wissen, wie es ist, wenn man hilflos ist und nicht geliebt, nicht angenommen wird.“ Wenn sie dann einen mutigen und einfallsreichen Märchenhelden erlebten, „das stärkt sie ungemein“.

In einer Arbeitshilfe hat Conny Sandvoß für Erzieherinnen und Katecheten Tipps erarbeitet, wie Kinder mit Märchen stark werden können fürs Leben. So kann mit dem Märchen „Das Lumpenkind“, einer englischen Version von Aschenputtel, auch die Fastenzeit gestaltet werden. Aus dem Lumpenkind in der Asche wird eine Prinzessin, aus Tod wird Leben. „Menschen fangen wieder an zu glühen, wenn sie angesehen und wahrgenommen werden und sich nicht wie ein unbedeutendes Stück Dreck fühlen“, erklärt Conny Sandvoß. „Wir müssen unsere Krone spüren, dann können wir sie auch bei anderen wahrnehmen“.

Astrid Fleute

Die Märchen und die Arbeitshilfe können per E-Mail angefordert werden: ConnySandvoss@gmx.de