13.09.2011

Kann der Herr, unser Gott, so grausam sein?

In der Exodus-Lesung am Gründonnerstag heißt es: „In dieser Nacht gehe ich durch Ägypten und erschlage ... jeden Erstgeborenen bei Mensch und Vieh. Über alle Götter Ägyptens halte ich Gericht, ich, der Herr. ... das vernichtende Unheil wird euch nicht treffen, wenn ich in Ägypten dreinschlage.“ Kann „der Herr“, unser Gott, so grausam sein?
Gertrud Spors, 63486 Bruchköbel

 

Das Buch Exodus erzählt von Israels Aufenthalt in Ägypten und seinem Auszug aus Ägypten, es berichtet von der Wüstenwanderung des Volkes und schließlich vom Aufenthalt am Gottesberg, wo Israel durch Mose die Tora empfängt.
In den hoch dramatischen Geschehnissen des Auszugs aus Ägypten wird vor allem ein Herrschaftswechsel gezeichnet: Das Volk Israel verlässt die Herrschaft des ägyptischen Pharao und kommt unter die Herrschaft Gottes. So stehen sich der Gott Jahwe und der Pharao als die zwei eigentlichen Kontrahenten gegenüber. Weder geht es um zwei weltliche Herrscher noch um die Götter Ägyptens gegen den einen wahren Gott, sondern um den Gott Jahwe hier und dort den Pharao.
Es gibt zwischen Heil und Unheil keinen Kompromiss, von zwei Mächten kann nur eine siegreich aus diesem Kampf hervorgehen, der letztlich mythische und kosmische Dimensionen hat. So sagt Mose zum Pharao: „So spricht Jahwe: Israel ist mein erstgeborener Sohn. Ich sage dir: Lass meinen Sohn ziehen, damit er mich verehren kann. Wenn du dich weigerst, ihn ziehen zu lassen, bringe ich deinen erstgeborenen Sohn um“ (Ex 4,22-23). Der Pharao hatte sich trotz aller Bitten und trotz aller Zeichen, die jener letzten Nacht vorangingen, geweigert, das Volk ziehen zu lassen. Mehrfach hatte er es versprochen, die Zusage aber immer wieder zurückgezogen. So kommt es zur letzten Plage. Vorher wäre das Unheil noch abwendbar gewesen. Israel ist Gottes Erstgeborener und damit der Erbe, der die Zukunft garantiert. Und genau weil Gott seinen Erstgeborenen durch die Chaoswasser hindurch rettet und damit die Zukunft des Volkes weitergehen kann, muss Ägyptens Erstgeborener unterliegen. Der Unheilsmacht Ägypten wird die Zukunft genommen.
Gott, der auf Israels Seite kämpft, erweist sich als mächtig. Die Machttaten dieser Nacht wird Israel bis in die fernste Zukunft hinein besingen. Einzelne Verse dieses Dramas aus dem Zusammenhang zu nehmen, wird der Botschaft des Buches Exodus nicht gerecht.
Claudia Sticher