05.02.2013

Grabstelle für Wohnungslose auf Bremer Friedhof

Keine „herrenlosen Leichen"

Sie sind wie vom Erdboden verschluckt: Menschen, die anonym bestattet werden. Oft sterben sie einsam und ohne Angehörige. Der Verein für Innere Mission in Bremen sorgt dafür, dass Wohnungslose würdig unter die Erde kommen. Fragen an Bertold Reetz, Leiter der Wohnungslosenhilfe des Vereins, der zum Diakonischen Werk gehört.

 

Auch Menschen, die allein und ohne Angehörige sterben,
sollen in Würde bestattet werden. Auf diesem Friedhof in
Bremen-Walle gibt es ein eigenes Gräberfeld für verstorbene
Obdachlose. Foto: epd-bild

Was war der Grund, ein Grab für Obdachlose einzurichten?

Uns hat viele Jahre geärgert, dass wohnungslose Menschen nie wussten, wo sie beerdigt werden. Sie galten als herrenlose Leichen, deren Bestattung von der Gerichtsmedizin veranlasst worden ist. Die sind dann anonym bestattet worden, wo gerade eine Grasnarbe frei war. Wer an der Bestattung teilnehmen wollte, konnte es nicht, weil sie nicht mitgeteilt wurde. Deshalb haben wir vor zwei Jahren dem für diese Angelegenheit zuständigen Umweltsenator vorgeschlagen, eine Grabstätte für wohnungslose Menschen einzurichten, in der die Verstorbenen in würdiger und angemessener Form bestattet werden.

 

Und die Stadt Bremen hat Ihren Vorschlag unterstützt?

Genau. Dank vieler Spenden und der Unterstützung durch die Stadt konnten wir die Grabstätte einrichten. Seit es sie gibt, teilt uns die Gerichtsmedizin mit, wenn die Bestattung eines Menschen ansteht, dessen Angehörige nicht ermittelt werden konnten und der aus der Obdachlosenszene kommt.
 

Wer trägt die Kosten dafür?

Die Kosten für die Feuerbestattung und eine einfache Urne trägt die Stadt. Ein Bestattungsinstitut spendet eine Überurne und Blumenschmuck. Wir organisieren den Pastor und Musiker, die während der Trauerfeier ehrenamtlich spielen. Und wir sorgen dafür, dass der Name des Verstorbenen auf der Grabstätte verzeichnet wird.
 

Wer nimmt Anteil am Tod obdachloser Menschen?

Freunde und Bekannte des Verstorbenen aus der Obdachlosenszene kommen meist, in seltenen Fällen Angehörige. Neben den Trauerfeiern veranstalten wir einmal im Jahr einen Gottesdienst für verstorbene Obdachlose. Dann kommen in der Regel um die 130 Gäste, Wohnungslose, aber auch andere Bürger und Vertreter aus der Kommunalpolitik. Unser Engagement wird in Bremen wahrgenommen. Das ist immer auch Ziel unserer Bemühungen: eine Lobby für Obdachlose zu schaffen.
 

Ist es wichtig für Menschen, die im Leben kein Zuhause haben, zu wissen, wo sie einmal ruhen werden?

Ja, wir erleben es ganz häufig, dass Obdachlose sagen: „Wenn ich mal verstorben bin, denkt keiner mehr an mich, dann bin ich verschwunden.“ Und das war ja auch so, ehe wir die Grabstätte für wohnungslose Menschen eingerichtet haben.
 

Setzen sich obdachlose Menschen häufig mit Sterben und Tod auseinander?

Sie denken schon darüber nach, weil es nicht fernliegt, schließlich sind viele von ihnen sehr krank.  Aber sie tun es ungern. Das Leben auf der Straße ist schrecklich und kaum auszuhalten, ohne sich zu benebeln. Deshalb schütten sich viele mit Alkohol zu – auch, um nicht über ihr Leben nachdenken zu müssen. Wir versuchen trotzdem, mit den obdachlosen Menschen über das Sterben und den Tod ins Gespräch zu kommen, um ihnen vor diesem Hintergrund aufzuzeigen, dass es bessere Perspektiven für ihr Leben gibt, als auf der Straße auszuhalten.

Interview: Volker Röpke

 

 

 

Sozialbestattungen

Wenn ein Mensch stirbt, müssen die Angehörigen dafür sorgen, dass er bestattet wird. Sind sie dazu finanziell nicht in der Lage, können sie einen Kostenübernahmeantrag nach dem Bundessozialhilfegesetz (SGB XII) stellen. Lassen sich in einem festgelegten Zeitraum keine Hinterbliebenen ausfindig machen, wird eine „Ordnungsbehördliche Bestattung“ (Paragraf 16 Bestattungsgesetz) angeordnet.

Sozialbestattungen müssen einfach und ortsüblich gestaltet werden, dürfen aber nicht auffällig arm erscheinen. Der Standard umfasst unter anderem die Wahl zwischen Erd- und Feuerbestattung, Überführung und Einäscherung, Sarg, Vorbereitung und Aufbewahrung des Leichnams, Bestatterleistungen, Kapellen- oder Trauerhallennutzung, Orgelspiel, Trauerredner oder geistliche Begleitung, Friedhofs- und Bestattungsgebühren sowie die Erstanlage der Grabstelle.

All das fällt bei einer Ordnungsbehördlichen Bestattung weg: Die Verstorbenen werden eingeäschert und ohne Trauerfeier anonym in einem Sammelgrab beigesetzt. Der Bestatter muss nicht ermitteln, ob es Angehörige gibt oder ob der Verstorbene einer Kirche angehörte. Auch muss er keine Bekanntmachung des Beisetzungstermins veranlassen. (epd)