13.04.2016

Kommentar

Keine Revolution

Keine Revolution, keine neuen Regeln - und dennoch überrascht das Papstschreiben "Amoris laetitia": Das Dokument steht voll im Leben. Ein Kommentar von Ulrich Waschki.

Eine Revolution ist das Papstschreiben zu Partnerschaft, Ehe und Familie nicht. Wer neue Regeln erwartet hatte, muss enttäuscht sein. Das hätte man vorher wissen können, wenn man dem Papst häufiger zuhört. Aber Amoris laetitia ist ein Neustart. Schon bei den Synoden hatte sich angedeutet, dass die Kirche in Zukunft anders über Partnerschaft, Sexualität und Ehe sprechen will. Weg von der rigiden Moral aus starren und pauschalen Vorschriften. Statt zu verbieten und zu verurteilen, will die Kirche wertschätzen und begleiten, Werte vorschlagen. 

In weiten Strecken steht das Dokument voll im Leben: Der Papst holt die Ehe vom Sockel, warnt vor falscher Idealisierung der Ehe, des Partners, der Liebe. Er erkennt, dass die Beziehung zweier Menschen sich im Lauf der Jahrzehnte verändert und ruft ausdrücklich dazu auf, immer neu zu „verhandeln“, also Kompromisse für das Zusammenleben zu finden, bei denen aber beide Partner immer das Wohl des anderen im Blick haben müssen. Die Liebe will das Beste für den anderen, darf aber nicht dazu führen, sich selbst und seine Bedürfnisse total zurückzustellen. Die Verbindung zwischen zwei Menschen ist eben eine Verbindung zwischen zwei Menschen und kann daher nicht göttlich perfekt sein. Eine wohltuende Einsicht! 

Bei aller Mühe ist die Ehe aber die höchste Verwirklichung der Liebe: Die Eheleute stellen ihre Partner der Gesellschaft vor „als einen Menschen, der würdig ist, bedingungslos geliebt zu werden“. Ein menschliches, aber begeisterndes und nicht kitschig verklärtes, sondern realistisch-romantisches Ehebild. Es lohnt sich, diese Passagen zu lesen. 

Der Papst räumt selbstkritisch ein, dass die Verkündigung zu idealisierend war und auf dem Gebiet der Sexualität die Fruchtbarkeit als Funktion der Ehe zu sehr in den Mittelpunkt gestellt hat. Er selbst kommt zu einem unverkrampften Umgang mit Sexualität, schreibt von Leidenschaft, Momenten intensiven Genusses und Freude. Sex darf Spaß machen! Und der Papst betont – nicht nur, aber auch in der Frage der Verhütung – den Wert des Gewissens.

Wünschenswert wäre gewesen, wenn Franziskus die Sexualität ein bisschen weniger überhöht hätte. Ihr Platz ist weiterhin nur in der Ehe, geheiligt durch und konstitutiv für das Sakrament. Gut, Sexualität darf nicht banalisiert werden, aber diese Haltung nimmt den Sex dann doch wieder zu wichtig. 

Trotzdem: Der Papst setzt den Weg fort, die Kirche von der strengen Lehrmeisterin zur geduldigen Mutter zu formen. Und das ist gut so.

Von Ulrich Waschki