11.01.2017

Die Hafenstadt kostete Paulus einige Nerven

Kompliziertes Korinth

Als Paulus seinen ersten Brief an die Korinther schreibt, ist er in Ephesus. Vier Jahre zuvor hatte er begonnen, in der Handelsstadt Korinth das Evangelium zu predigen – ein turbulentes Unternehmen in einer pulsierenden Stadt.

So oder so ähnlich könnte das römische Korinth ausgesehen haben (Blick nach Nordwesten). Im Hintergrund der Golf von Korinth mit dem Hafen Lechaion; rechts die Landenge zum griechischen Festland. Foto: Jeff Brown

Als Paulus im Jahr 50 oder 51 erstmals nach Korinth kommt, geht es ihm nicht gut. In Galatien war er länger krank, in den mazedonischen Städten Thessaloniki und Beröa wurde er vertrieben und im längst nicht mehr glorreichen Athen von Philosophen veräppelt. Wenig zuversichtlich macht Paulus sich also auf den 90 Kilometer weiten Weg westwärts nach Korinth.

Als er die schmale Landenge, den Isthmus von Korinth überquert, sieht der Zeltmacher aus Tarsus vielleicht, wie gerade ein Boot über den Dioklos geschleppt wird. Dieser 6,6 Kilometer lange steinerne Schienenweg ist ein technisches Meisterwerk, damals bereits 600 Jahre alt. Von Korinths westlichem Hafen Lechaion am Golf von Korinth werden Schiffe und ihre Ladungen auf einem Wagen mit Muskelkraft über Land geschleppt. Den Schiffern erspart das einen Umweg von 325 Kilometern um den Peloponnes herum. An dessen Südspitze herrschen oft gefährliche Stürme. Zudem ist Zeit Geld – auch damals schon.

 

Caesar baute die Stadt als römische Kolonie wieder auf

Jahrhundertelang war Korinth eine bedeutende griechische Handelsmetropole. Gelegen an der West-Ost-Verbindung zwischen Adria und Ägäis sowie der Nord-Süd-Handelsroute vom griechischen Festland auf die Halbinsel Peloponnes, geschützt vom Hausberg des Akrokorinth und umgeben von fruchtbaren Ebenen bot sie immense Standortvorteile. Wären da nicht der Mensch und seine Machtgelüste.

Denn die Stadt, die Paulus betritt, ist gerade einmal 90 Jahre alt – mehr römisch als griechisch. Hier wird Latein gesprochen, und erst seit kurzem auch wieder Griechisch. 200 Jahre zuvor, im Jahr 146 v. Chr., haben die Römer das einst wohlhabende und mächtige Korinth mit zeitweise über 100 000 Einwohnern zerstört, die konkurrierende Handelsmacht dem Erdboden gleichgemacht. 44 v. Chr. ließ Julius Caesar sie als römische Kolonie wieder aufbauen. Dazu siedelte er freigelassene Sklaven aus Rom an. Bald wurde Korinth Hauptstadt der Provinz Achaia. 

Kurz bevor Paulus dort eintrifft, gesellen sich zu den hier lebenden Römern und Griechen viele Juden. Kaiser Claudius hat sie zwei Jahre zuvor aus Rom ausgewiesen. Unter ihnen Priska und Aquila, ein Ehepaar das wie Paulus als Zelttuchmacher arbeitet und den Apostel zunächst bei sich aufnimmt. Insgesamt bleibt Paulus 18 Monate in Korinth.

Die Stadt boomt. Handwerker und Kaufleute lassen sich nieder. Am zentralen Forum haben Juweliere und Bankiers ihre Geschäfte. Von den griechischen Göttern haben im römischen Korinth Aphrodite, Poseidon und Demeter überlebt. Ihnen werden – neben den römischen Göttern – Opfer gebracht. Darauf bezieht sich Paulus, wenn er später schreibt: „Selbst wenn es im Himmel und auf der Erde sogenannte Götter gibt – und solche Götter und Herren gibt es viele –, so haben wir doch nur einen Gott, den Vater“ (1 Kor 8,5–6). 

Der Streit um den Genuss von Opferfleisch aus den Tempeln, das auf den Märkten verkauft wird, und den Paulus in seinem Brief zu schlichten sucht, hat im religiösen Multikulti der Stadt seine Wurzeln. „Selfmade“-Männer, frühere Sklaven, setzen sich Denkmäler. Es herrschen Wettbewerb und Konkurrenzdenken. Auch die Christen sind nicht frei davon. Und so muss Paulus ihr Gerangel darüber, wer zu wem gehört und wer besser ist – Paulus, Apollon, Kephas oder Jesus Christus –, scharf zurückweisen.

 

Eine Gottesverehrung, die gegen das Gesetz verstößt

Als es in der jüdischen Gemeinde zum Krach kommt, klagen einflussreiche Leute Paulus beim römischen Prokonsul Gallio an: „Dieser verführt Menschen zu einer Gottesverehrung, die gegen das Gesetz verstößt.“ Gallio hört sich den Streit an, lässt aber die Klage nicht zu: „Streitet ihr über Lehre und Namen und euer Gesetz, dann seht selber zu!“ Der Prokonsul lässt den jüdischen Reformprediger gewähren, und so entsteht über die nächsten Jahrzehnte in Korinth eine lebendige Christengemeinde. Auch dort treffen einflussreiche Neureiche und arme Schlucker, griechische oder jüdische Traditionalisten, antike Esoteriker und Skeptiker aufeinander. 

Als Paulus später in Ephesus hört, wie es in Korinth drunter und drüber geht, schreibt er jenen Brief, den wir als 1. Korintherbrief kennen: „Jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg und dann hungert der eine, während der andere betrunken ist“, schimpft Paulus. Während Dienstboten und Sklaven ihre Arbeit so gerade noch schaffen, liegen die Wohlhabenden schon zu Tisch. Paulus: „Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben?“ So muss er den Korinthern noch mal erklären, worauf es beim Herrenmahl ankommt.

Zudem gibt es theologische Streitigkeiten mit Ausfällen und Beleidigungen. Das spiegelt der 2. Korintherbrief wider. In der Auseinandersetzung mit den debattier- und experimentierfreu-
digen Korinthern klärt sich auch für Paulus manche theologische Einsicht.

Vermutlich im Jahr 56 besucht der Apostel Korinth ein letztes Mal. Und schreibt hier dann sein theologisches Hauptwerk, den Brief an die Gemeinde in Rom.

Von Roland Juchem