28.08.2014

Ansichtskarten gehören zum Urlaub wie Sonnencreme und Badehose

Kontaktpflege in wenigen Zeilen

Alte Tradition, trotzdem im Trend: Die Ansichtskarte wird auch im Zeitalter von SMS und E-Mail nicht aussterben, sagt der Sprachwissenschaftler Hajo Diekmannshenke, der Postkarten zum Gegenstand seiner Forschung gemacht hat.

 

Welche nehme ich denn jetzt nur? Die Auswahl an Ansichtskarten ist riesig. Vor allem als Gruß aus dem Urlaub sind sie nach wie vor beliebt. Foto: kna-bild

Etwa 200 Millionen Postkarten werden in Deutschland jährlich verschickt, die meisten im Urlaub. In den 1960er Jahren, als der Auslandstourismus den ersten Massenansturm erlebte und die Telefonverbindungen noch schlecht waren, war die Zahl etwa doppelt so hoch.

Damals wählten die Urlauber nicht nur die heute beliebten Natur- und Tiermotive, sondern gerne Bilder von Betonburgen an südlichen Stränden, die heute nur abschreckend wirken. Es gab auch Ferienorte, die stolz mit der Abbildung eines neu erbauten Autobahnabschnittes für sich warben. „Das würde heute niemand mehr machen“, stellt Sprachwissenschaftlicher Hajo Diekmannshenke fest.

Ein Verkaufshit ohnegleichen war die allererste Postkarte, damals noch Correspondenzkarte genannt. Sie wurde 1870 von der Postverwaltung des Norddeutschen Bundes zusammen mit Baden-Württemberg und Bayern als billige Alternative zum Brief eingeführt. Ab 1896 gab es Ansichtskarten in Tabak- und Schreibwarenläden zu kaufen, zehn Jahre später bekamen sie ihr heute noch gültiges Aussehen: eine geteilte Rückseite, deren linke Hälfte für Mitteilungen bestimmt ist.

Im Bericht eines Engländers aus seinem Schweizer Urlaubsort wird der damalige Stellenwert der Postkarten deutlich. Nachdem eine größere Gesellschaft den Rigi erklommen hatte, „rannte jeder zum nahegelegenen Hotel und raufte sich um Postkarten“, heißt es in der Schilderung des Briten. „Fünf Minuten später schrieb ein jeder, als ginge es ums liebe Leben.“ Offenbar sei der Berg nicht um der Erfahrung willen bestiegen worden, sondern um Postkarten loszuwerden, notierte er.

Heute werden im Medienzeitalter Urlaubsgrüße per Ansichtskarte zur Kontaktpflege eingesetzt. Kartenschreiben sei ein „sozialer Akt“, für Schüler und Studenten genauso wichtig wie für Rentner, erläutert der Koblenzer Wissenschaftler. „Ich teile jemandem mit, dass ich im Urlaub bin, dass ich an ihn denke und mir die Mühe des Schreibens mache.“

So gibt es Postkartenschreiber, die auf kleinster Fläche Kunstwerke produzieren und verspielte oder skurrile Texte verschicken. Der Schriftsteller Jurek Becker (1937 bis 1997) gehörte dazu, der seinem Freund, dem Schauspieler Manfred Krug, auf meist hässlichen Karten in wenigen Sätzen sowohl Reiseeindrücke als auch Freundschaft vermitteln konnte: „Mein Herzensfreund, heute habe ich besonders unter deiner Abwesenheit gelitten: als ich an einem kleinen Laden vorbeikam, in dem gebrauchte, zumeist alte Fotoapparate verkauft wurden. Der kleine Mann dort sah aus, als würde er schon lange auf dich warten und nicht mehr lange durchhalten.“

Marlene Grund