29.10.2015

Evelyne Leandro erzählt von ihrer Erfahrung mit einer ungewöhnlichen Krankheit

Lepra? Heute? Bei uns?

Evelyne Leandro erkrankte vor drei Jahren an Lepra. Über die stigmatisierte Krankheit und ihren Weg daraus hat die Berlinerin ein beeindruckendes Buch geschrieben, aus dem sie am 4. November in Osnabrück lesen wird.

 

„Mir kamen sofort die Geschichten aus der Bibel in den Kopf“: Die gebürtige Brasilianerin Evelyne Leandro hat eine Lepraerkrankung überwunden und darüber ein Buch geschrieben. Foto: 2470media

Die Angst war sofort da. Fast schneller als die Diagnose. „Angst vor Stigmatisierung. Angst vor Ausgrenzung. Mir kamen sofort die Geschichten aus der Bibel in den Kopf“, sagt die Brasilianerin Evelyne Leandro. Lepra: Allein das Wort scheint bei vielen Menschen tief im Unterbewusstsein verborgene Urängste und Vorurteile auszulösen. Der „Aussatz“, wie die Krankheit bereits im Alten Testament genannt wurde, galt bis weit über das Mittelalter hinaus als Strafe Gottes für begangene Sünden. Genau solche „Klischees“ nun überfielen Leandro. Sie fragte sich, „was habe ich in meinem Leben falsch gemacht.“ Um sich selbst zu schützen beschloss sie – außer mit ihrer Familie und den Ärzten – erst einmal nicht über ihre Krankheit zu reden. Jedem, der sie auf ihre Haut ansprach, sagte sie nur „Allergie“.

Die Krankheit kam – wie Krankheiten oft kommen – zum ungünstigsten Zeitpunkt. 2010 erst war die heute 33-jährige Frau mit ihrem deutschen Mann, einem ehemaligen Entwicklungshelfer, nach Berlin gezogen, fing gerade an, sich in der neuen Heimat wohlzufühlen, hatte eine Arbeit und ein paar Freunde gefunden, da plötzlich tauchten die ersten Flecken auf.

Angesteckt hatte sich die Brasilianerin vielleicht schon als Kind. Aufgewachsen ist Leandro in Bahia. Der Vater Lkw-Fahrer, die Mutter Friseurin. „Direkt vorm Haus lief ein Abwasserkanal.“ Das passt. Medizinern gilt Lepra, die vor ihrem Ausbruch oft jahrelang unerkannt im Körper schlummert, als Armutskrankheit. In Brasilien gibt es jährlich rund 35 000 neue Fälle. In Deutschland sind es gerade mal drei. Weltweit leben etwa vier Millionen Menschen mit Lepra. Die meisten davon in Indien. Auch wenn die Angst der Menschen vor Aussatz riesig ist, so ist die Ansteckungsgefahr gering. 95 Prozent sind weltweit immun. Doch wen es erwischt, der durchlebt eine Art Vorhölle.

„Ich war wie ein hässliches Gemälde“

Von einem Tag auf den anderen ging bei Evelyne Leandro fast nichts mehr. Beine, Arme waren übersät mit roten Flecken. Im Gesicht Knoten. „Ich war wie ein hässliches Gemälde“, sagt sie. Hinzu kamen Schmerzen. Der linke Arm war taub, Nerven drohten abzusterben. Das übrige taten die Medikamente. Totale Erschöpfung. Über anderthalb Jahre lang nahm sie bis zu 30 Tabletten am Tag ein. Drei verschiedene Antibiotika. Kortison. Plus Thalidomid, das früher unter dem Schreckensnamen Contergan bekannt war. „Ich lag oft weinend im Bett. Es gab Tage, da wollte ich nicht mehr existieren“. Als sie dann nach einer Weile mal 500 statt 300 Meter spazieren gehen konnte, freute sie sich fast wie ein Kind.

Wenn man die Brasilianerin heute erlebt, mag man die Schilderungen kaum glauben. Zu umfassend ist der Wandel. Das sieht auch Leandro so. „Ich habe ein neues Ich“. Genau das sei von Anfang an auch ihr Ziel gewesen. „Ich wollte das Negative in etwas Positives verwandeln“, sagt sie. Und weil Leandro anfangs nicht über ihr Schicksal reden mochte, schrieb sie Tagebuch. Rund 600 Seiten, die sie später als Grundlage für ihr überaus packendes Buch „Ausgesetzt – Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit“ verwenden sollte. „Es war auch Selbsttherapie. Nicht um die Krankheit zu besiegen, sondern für meine Psyche.“ Erst als es ihr besser ging, beschloss sie, „Gesicht zu zeigen“. Bei ihren Lesungen bringt die Autorin ihre Zuhörer gerne mit ein paar Anekdoten zum Lachen. Das Lachen ist ihr wichtig. Ebenso wie das Schreiben. „Das habe ich schon als Kind geliebt.“

Eine Botschafterin gegen die gängigen Vorurteile

Inzwischen begreift Leandro ihr Buch vor allem als „Brücke“. Aus der Patientin ist längst eine Botschafterin gegen die gängigen Vorurteile geworden. Seit 2014 arbeitet Leandro unter anderem mit der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe zusammen, die sich weltweit dem Kampf gegen die Krankheit verschrieben hat. Wie man im Internet nachlesen kann, sind die Leser von ihrem Buch begeistert. Einige haben daraus sogar Kraft bezogen, wie man generell mit Lebenskrisen umgehen kann, den „Weg nach vorne“ antritt. Mehr Komplimente kann man einem Menschen, einem Buch wohl kaum machen.

Andreas Kaiser

Am Mittwoch, 4. November, um 19.30 Uhr liest Evelyne Leandro im Forum am Dom, Domhof 12, Osnabrück,  aus ihrem Buch „Ausgesetzt“. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht.

 

 

Zur Sache

Die Abkürzung der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) geht auf den Gründungsnamen „Deutsches Aussätzigen-Hilfswerk“ zurück. Vor 60 Jahren begann die Geschichte des wohltätigen Vereins mit dem Journalisten Graf Franz von Magnis und dem Würzburger Theologiestudenten Richard Recke. Beide trafen auf einer Reise in Äthiopien auf den französischen Lepra-Arzt Antoine Féron, dessen Einsatz für ausgestoßene Leprakranke die jungen Männer beeindruckte. Zwei Jahre später wurde das DAHW in Würzburg gegründet. Heute unterstützt der Verein 172 Projekte in 20 Ländern mit rund 12 Millionen Euro für den Aufbau medizinischer Programme und Einrichtungen.
Als Veranstalter von Kultur- und Informationsveranstaltungen wie der Lesung von Evelyne Leandro  leistet die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe einen wichtigen Beitrag.
Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Spende: www.dahw.de