03.01.2017

Lektüren stoßen oft auf geteiltes Interesse – dabei gibt es eine große Auswahl

Leselust in der Schule

Schullektüren: Für die einen sind sie das Beste am Deutschunterricht, für die anderen der absolute Albtraum. Woran liegt das? Und wie kann Lesen in der Schule wieder Spaß machen?

 

Alte Werke modern aufgepeppt: Im Carlsen Verlag ist eine Graphic
Novel zu Goethes „Faust" erschienen. Foto: Carlsen Verlag

Lena ist 15 Jahre alt und eigentlich begeisterte Leserin. In ihrem Blog „Lena liest“ stellt sie im Internet spannende Bücher vor, gibt Lesetipps und weist auf Neuheiten hin. Beim Thema Schullektüren ist ihre Begeisterung allerdings eher verhalten: „Sind wir ehrlich, die meisten Schüler mögen Schullektüren nicht“, erzählt sie von ihren Erfahrungen und betont: „Ich habe nichts gegen klassische Werke. Im Gegenteil! Denn wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir in der Jugend noch einmal Bücher wie „Wilhelm Tell“ lesen, wenn nicht in der Schule? Nur finde ich es total schade, wenn nur noch solche Bücher gelesen und dann auch bis in die Unendlichkeit analysiert werden und so selbst mir schon die Lust auf das eine oder andere Buch vergangen ist! Wie soll es dann Leuten gehen, die generell nicht viel lesen?“

Gute Schullektüre ist eine Herausforderung und eine Chance für jeden Deutschunterricht. Während es für die Oberstufe in den einzelnen Bundesländern Leselisten und damit mehr oder weniger feste Vorgaben gibt, was bis zum Abitur gelesen werden muss, sind die Lehrer der Grundschulen und Mittelstufen oft recht frei in der Auswahl ihrer Lektüren. „Das ist eine große Chance“, betont Simone Eutebach, freie Referentin für Kinder- und Jugendliteratur aus Konstanz. „Denn in diesem Alter muss die Leselust geweckt und gefördert werden.“

Nur noch 38 Prozent der Kinder und Jugendlichen lesen laut der aktuellen JIM-Studie in ihrer Freizeit noch täglich oder mehrmals in der Woche in einem Buch. Mädchen mehr als Jungen. „Diese Zahlen sind zum Glück stabil geblieben, aber man muss dabeibleiben, dass gelesen wird“, motiviert Simone Eutebach Eltern und Lehrer, durch moderne aktuelle Themen Leseanreize zu setzen. „Für viele Kinder ist es nicht mehr alltäglich, zum Buch zu greifen, auch in der Grundschule geht das schon verloren“, warnt die Literaturpädagogin und Bibliothekarin. Denn wer nicht gut lesen kann, hat es später schwer: Viele Lehrmittel sind sehr sprachlastig, und auch fachliche Aufgaben können nur gut gelöst werden, wenn sie sprachlich verstanden worden sind – auch im Berufsleben. In der Freizeit sei Lesen darüber hinaus bereichernd und „einfach toll“, wie Bloggerin Lena betont: Es unterhält, entspannt, bildet, schafft neue spannende Welten und regt die Fantasie an.

„Bookslam“ – von Schülern für Schüler

Damit der (Lese-)Funke auch im Klassenzimmer überspringt, stellt Simone Eutebach jedes Jahr verlagsübergreifend aktuelle und zeitgenössische Literatur im Rahmen des Projektes „Lesen macht Schule“ vor. Über 220 Bücher hat sie mittlerweile auf ihren Listen, die sich alle für den Unterricht eignen. Auf ihren Veranstaltungen trifft sie auf engagierte Lehrer, die auf der Suche sind: nach Büchern, die das Interesse der Schüler wecken, die die Anforderungen des Deutschunterrichts erfüllen und die Lesemotivation fördern. Keine einfache Aufgabe bei bis zu 30 Kindern in der Klasse – von Schnell- und Viellesern bis zu Dauerfernsehern und Nichtlesern mit den verschiedensten Interessen.

Simone Kassenbrock ist Deutschlehrerin am Gymnasium Angelaschule in Osnabrück und kennt diesen Spagat. Dankbar nimmt sie Veranstaltungen wie mit Simone Eutebach wahr, um „auf dem Laufenden zu bleiben, was es auf dem Markt der Kinder- und Jugendliteratur aktuell gibt“. Im Schulalltag merkt sie deutlich, dass die Motivation, zu lesen, sehr unterschiedlich ist:  „Man muss schon immer wieder darauf aufmerksam machen, wie wichtig das Lesen ist.“ Bei der Suche nach den ersten Lektüren lande sie allerdings doch oft zunächst bei Klassikern wie zum Beispiel Erichs Kästners Werk „Das fliegende Klassenzimmer“ – für Mädchen und Jungen interessant, mit zeitlosen aber wichtigen Themen rund um Mut und Freundschaft. Um die Lesemotivation darüber hinaus zu stärken, organisiert die Angelaschule gerne „Bookslams“: Dabei stellen zum Beispiel Kinder aus der siebten Klasse Schülern der sechsten Klasse ihre Lieblingsbücher vor – in der Hoffnung, dass der Funke überspringt.
 

Hat jede Menge Ideen für gute Schullektüren: Literaturpädago-
gin und Bibliothekarin Simone Eutenbach aus Konstanz. Foto:
privat

Für diese und ähnliche Aktionen Freiräume zu schaffen, dazu rät auch Simone Eutebach und verweist auf das Material, das die Buchverlage Lehrern kostenlos zur Verfügung stellen. So können sie zum Beispiel ein Thea­terspiel einbauen oder mit Perspektivwechseln arbeiten. Gibt es ein Hörbuch, kann in leseschwachen Klassen abwechselnd ein Kapitel gehört, eines gelesen werden. „In Grundschulen eignet sich auch gut eine Lesekiste“, erzählt die Referentin: Die Kinder bringen passend zu jedem Kapitel einen Gegenstand von zu Hause mit, mit dessen Hilfe sie noch einmal über den Inhalt sprechen. „Das motiviert ungemein.“ Wenn Lehrer klassische Literatur bevorzugten, gebe es auch hier vielfältiges Zusatzmaterial: So hat der Carlsen Verlag eine Graphic Novel zu Goethes „Faust“ veröffentlicht – sie enthält die komplette Geschichte in überarbeiteter Form und bietet sowohl für Faust-Liebhaber als auch für Comicfans eine vergnügliche Lektüre.

Literatur soll Freude, Spaß und Glück bereiten

Neben den Lehrern seien natürlich auch die Eltern wichtige Lesevorbilder und sollten sich für die Schullektüre interessieren, meint Simone Eutebach „Mein Sohn liest zum Beispiel in der Schule Bücher, die würde er zu Hause nicht unbedingt lesen. Da ist es wichtig, dass wir als Eltern die Themen des Buches aufgreifen und noch einmal besprechen.“ Für viele Kinder sei es wichtig, dass sich jemand dafür interessiere, was sie lesen.

Die optimale Lektüre für alle Schüler zu finden, sei jedoch nahezu unmöglich, räumt sie ein: „Die Begeisterung ist natürlich nicht bei allen gleich und es wird immer Kinder geben, die das Buch doof finden.“ Aber wenn man früh anfange, regelmäßig mit den Kindern zu lesen, „dann ist vieles möglich“. Wie der verstorbene Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist auch sie überzeugt: Literatur solle den Menschen Freude, Spaß und Glück bereiten. Was für die Lehrer dabei zählt, ist, ob die Schüler das Rüstzeug bekommen haben, das für sich selbst zu entdecken.

Astrid Fleute