13.05.2014

Schauspieler Sebastian Dunkelberg liest Paulusbriefe

Liebeswerben um den Glauben

Paulus gilt als schwer verdaulich – weil seine Briefe oft aus dem Zusammenhang gerissen werden und mit einen theologisch-exegetischen Überbau befrachtet wurden. Dabei geht es auch anders. So wie der Schauspieler Sebastian Dunkelberg die Briefe des Völkerapostels liest, hat man Paulus noch nie gehört.

 

Mal laut, mal nachdenklich: Sebastian Dunkelberg liest die Paulusbriefe, wie man sie noch nie gehört hat. Zu 85 Prozent würde er sie so auch im Gottesdienst lesen, sagt der Schauspieler, der fast Priester geworden wäre. Fotos: Jörg Sabel

Seine Requisiten sind sparsam: Tisch, Kerze, ein Glas Wasser, Mikrofon, Brille und natürlich die Apostelbriefe – mehr braucht Sebastian Dunkelberg nicht. Er setzt ganz auf Stimme und Ausdruck. Mal nachdenklich und eindringlich, mal leidenschaftlich und laut: Die Briefe des Paulus an die Thessalonicher, Galater, Kolosser und Philemon – vorgelesen am Stück – bekommen an diesem Abend im Osnabrücker Forum am Dom einen ganz anderen Klang als in einer sonntäglichen Lesung.

Wie kommt der Hamburger Theaterschauspieler auf so eine verrückte Idee? „Ganz einfach“, sagt er lächelnd. Immer wieder habe er katholische und evangelische Geistliche seufzen hören, wie schwer Paulus doch sei. „Also habe ich mir vorgenommen, das zu überprüfen.“ Und er stellt fest: „Wenn ich Paulus als einen Menschen begreife, dem plötzlich die Augen aufgehen, der sein Berufungserlebnis begeistert mit allen teilen will, der nach Worten ringt und sich im Überschwang auch manchmal im Ton vergreift – dann bekommen die vielen schweren Bandwurmsätze einen neuen Sinn.“ Dunkelberg versteht die Paulusbriefe als „Liebeswerben“ um den Glauben und so liest er sie auch: ehrlich, direkt, persönlich. „Ich versuche, den intimen Briefcharakter zu treffen und stelle mir vor, dass es wirklich ein Gegenüber gibt.“ Dass es ihm gelingt, Paulus eine Stimme zu geben, liegt an seinen schauspielerischen Fähigkeiten – aber auch an seiner besonderen Nähe zur Liturgie. Denn fast wäre Sebastian Dunkelberg Priester geworden.

Erst ziemlich spät findet er als Jugendlicher Kontakt zur katholischen Kirche, fühlt sich dann aber sofort eingebunden. Während einer Reise nach Lourdes verspürt er den Wunsch, Priester zu werden. Er studiert zwei Jahre lang in Frankfurt/St. Georgen. Doch seine eigentliche Leidenschaft, muss er sich bald eingestehen, gilt dem Theater. Er nimmt sich eine Auszeit, leistet Zivildienst, absolviert eine Schauspielausbildung – und tritt in letzter Konsequenz aus der Kirche aus. „Ich dachte, dass ich alles hinter mir lassen und mich völlig neu sortieren muss“, sagt der 51-Jährige.

Bei aller Kritik immer noch tief in Kirche verwurzelt

Dunkelberg spielt an verschiedenen Theatern, unterrichtet Schauspiel für Sänger, heiratet, bekommt zwei Kinder. Dann stirbt Papst Johannes Paul II. Ein Schlüsselerlebnis. Dunkelberg sitzt vor dem Fernseher, neben seinem kleinen Sohn, und weint. „Auf einmal merkte ich, wie tief ich bei aller Kritik immer noch in dieser Kirche verwurzelt bin.“ In jener Zeit arbeitet er schon wieder für die Kirche; er coacht einen befreundeten evangelischen Pastor, achtet bei dessen Predigten auf Glaubwürdigkeit und körperliche Präsenz. „Da machte es auf einmal Klick: Das Wissen über und die Liebe zur Liturgie habe ich ja nie verloren. Dies zu verbinden mit meinem Können als Schauspieler und Sprecher – eine super Kombination.“

Heute begleitet Sebastian Dunkelberg Neupriester und Kapläne in Hamburg, Osnabrück und Hildesheim und arbeitet im Erzbistum Hamburg auch intensiv im Laienbereich mit Wortgottesdienstleitern, Leitern von Beerdigungsdiensten, Lektoren und Pfarrsekretärinnen. „Bühne und Altar haben gemeinsam, dass man ohne Angst vor vielen Menschen sprechen muss. Ein Missverständnis wäre zu sagen, als Priester müsse man auch ein guter Schauspieler sein. Gerade weil ich weiß, wo der Unterschied liegt, hake ich ein, wenn jemand im liturgischen Gewand plötzlich ein anderer Mensch ist.“

Längst hat Dunkelberg auch persönlich zur Kirche zurückgefunden. Sein Wiedereintritt – ein „folgerichtiger Schritt“. „Ich bin jetzt mit ganz anderem Selbstbewusstsein wieder Teil dieser Kirche und kann sie mitgestalten.“ Zudem hat er sich kirchlich trauen und beide Kinder taufen lassen – alles zusammen in einem großen Familienfest. 

Wenn er Paulus liest, lässt er es drauf ankommen: wie laut er wird, wie er betont. Zu 85 Prozent, sagt Dunkelberg, würde er Paulus auch so im Gottesdienst lesen. Und er ermutigt Lektoren, mehr zu wagen. „Wir sprechen oft vom Wort des lebendigen Gottes, tatsächlich aber klingt es oft wie alte Strümpfe.“

Anja Sabel

 

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