19.03.2013

BDKJ-Aktion für Jugendliche: Andere Lebenswelten kennenlernen

Möbel schleppen am Josefstag

Wo arbeiten Jugendliche, die keinen Schulabschluss geschafft haben? Wer hilft Suchtkranken oder Langzeitarbeitslosen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Osnabrücker Jugendliche am Josefstag. Sie besuchten die „Möwe“ und arbeiteten dort mit.

Matthis Uchtmann und Simon Hettlich bei der Arbeit im Verkaufsraum der "Möwe" am Hauswörmannsweg in Osnabrück. Foto: Kerstin Ostendorf

Ein sechstüriger Kleiderschrank ist gerade angekommen. Dunkelbraun und in viele Einzelteile zerlegt, lehnt er an der Lagerwand. Einige Teile sind so lang und sperrig, dass sie nicht in den Lastenaufzug passen und in den Verkaufsraum im ersten Stock getragen werden müssen. Das ist nun die Aufgabe von Matthis Uchtmann und Simon Hettlich. Die beiden Jugendlichen verbringen zusammen mit drei weiteren Schülern einen Tag bei der „Möwe“ in Osnabrück.

Seit fünf Jahren bietet der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) am 19. März, dem Josefstag, bundesweit eine Aktion an, die auf die Lebens- und Zukunftsaussichten von benachteiligten Kindern und Jugendlichen hinweist. In diesem Jahr besuchen Jugendliche die „Möwe“. „Sie sollen Vorurteile abbauen, indem sie die Hintergründe kennen, echte Geschichten und Lebenswege hören. Jeder kann zum Beispiel von Arbeitslosigkeit betroffen sein und abrutschen“, sagt Karin Sterzer, Referentin für das Projekt „Soziale Gerechtigkeit“ im BDKJ. Sie möchte keine Angst machen, sondern um Verständnis für Lebenssituationen werben. „Die Lebensrealitäten von Jugendlichen sind sehr unterschiedlich. Es gibt diejenigen, die sehr behütet aufwachsen und diejenigen, die in der dritten Generation von Hartz IV leben. Beide kennen die jeweils andere Lebenswelt nicht und haben keine Berührungspunkte.“ Es sei vor allem auch die Aufgabe der kirchlichen Jugendverbände, hier ein Interesse und Möglichkeiten für Begegnung zu schaffen, sagt Sterzer.

Die „echten Geschichten“ kennenlernen

Matthis und Simon schultern mittlerweile die Bretter und Latten des Schranks und machen sich auf den Weg in den ersten Stock. Sie helfen bei ihrer ersten Station im Verkauf und im Lager der „Möwe“ am Hauswörmannsweg mit. Von Verkaufsleiter Rolf Osmers lernen sie aber nicht nur, wie man zügig Sachen transportiert, sondern hören auch „echte Geschichten“: Osmers berichtet ihnen von Alkohol- und Drogenabhängigen, von HIV-Kranken oder körperlich verbrauchten Menschen. „Wenn jemand 30 Jahre lang auf dem Bau gepflastert hat, dann ist der Körper am Ende“, sagt er. Auf dem Arbeitsmarkt haben diese Menschen kaum eine Chance. „Wir päppeln sie wieder ein wenig auf. Arbeit bedeutet immer auch ein Stück Würde und Anerkennung.“ In der „Möwe“ erhalten sie diese zurück und Osmers weiß von vielen Mitarbeitern, die den Absprung von der Sucht geschafft haben, die stolz sind, wieder arbeiten zu können und abends zufrieden und müde ins Bett fallen.

Matthis und Simon sind beeindruckt: Von den Lebensgeschichten, von der Größe des Hauses und von den vielen Aufgaben, die hier erledigt werden müssen. Von der Aktion des BDKJ haben die 16- und 17-Jährigen in ihrer Kirchengemeinde, der Pfarreiengemeinschaft Osnabrück-Süd, erfahren und sich freiwillig angemeldet. Sie wollten die Möwe und die Arbeitsweisen kennenlernen, hinter die Kulissen blicken. „Einmal habe ich mir hier ein Fahrrad gekauft“, erinnert sich Matthis, ansonsten kannten die beiden das Kaufhaus nur aus Erzählungen – bis zum Josefstag 2013.

Kerstin Ostendorf