12.08.2015

Musik und Religion

Musik – eine Sprache Gottes?

Atheisten sagen oft von sich, sie seien „religiös unmusikalisch“. Umgekehrt meint der Musiker Heinz Rudolf Kunze: Musiker könnten keine Atheisten sein. Stimmt es, dass Musik irgendwie göttlich ist?

So besagt ein Sprichwort: „Gott achtet den, der arbeitet; er liebt den, der singt.“ Und Engel, so der Prophet Jesaja, singen und musizieren. Sie predigen nicht. Auch Papst Franziskus schwärmte in einem seiner ersten Interviews über Mozart: Das „Et incarnatus est“ aus der c-moll-Messe sei „unübertrefflich – es trägt dich zu Gott.“ Sein Vorgänger ging unlängst noch einen Schritt weiter.

In seiner Dankansprache für die Ehrendoktorwürde der Universität und der Musikhochschule Krakau sagte Benedikt XVI.: Abendländische Musik, auch wenn sie weit über das Religiöse hinausgehe, sei gewachsen in der Liturgie, in der Begegnung mit Gott. „Sie ist für mich ein Wahrheitsbeweis des Christentums.“ Denn „Musik von der Größenordnung, wie sie im Raum des christlichen Glaubens entstanden ist – von Palestrina, Bach, Händel zu Mozart, zu Beethoven und zu Bruckner – gibt es in keinem anderen Kulturraum. Die abendländische Musik ist etwas Einzigartiges … Dies muss uns zu denken geben“.

Musikwissenschaftler widersprechen. „Es gibt in vielen Musikkulturen der Welt Kunstmusik, die in ihrem sozialen Status, ihrer Geschichtlichkeit und ihrer musikalischen Komplexität … absolut unserer europäischen Kunstmusik entspricht, so im arabischen Raum, im Iran, in Indien, in Japan, Korea und China“, meint etwa der Grazer Musikwissenschaftler Gerd Grupe.

 

Musik als kulturelle Errungenschaft

 

Immerhin hat das Abendland zwei historische Zugänge zur Musik: religiöse Mythen und die mathematische Erschließung der Welt durch Verhältnisse wie 2:1 (Oktave), 3:2 (Quinte), 4:3 (Quarte). Harmonie also ist eine Sache der Verhältnismäßigkeit – wie Gerechtigkeit übrigens auch.

Musik, inspiriert von Tönen und Stimmen in der Natur, ist eine kulturelle Errungenschaft des Menschen. 35 000 Jahre alt ist eine Flöte aus Tierknochen, gefunden auf der Schwäbischen Alb. Musik berührt. Sie rührt zu Tränen, begeistert, ergreift, ja löst sogar – glaubt man einer Studie an der Wesleyan-University in USA – orgiastische Gefühle aus.

„Musik ist immer etwas Lebensbejahendes, das hilft, den Kopf nicht in den Sand zu stecken – ob es sich um Karnevalsschlager oder Werke von Mozart handelt“, so Henning Krautmacher, Frontmann der Kölner Kultband „Höhner“. Sri Chinmoy, hinduistischer Guru aus Indien und USA, nennt Musik „die innere oder universelle Sprache Gottes“. Er spreche weder Französisch noch Deutsch noch Italienisch. „Aber wenn Musik gespielt wird, tritt das Herz der Musik sofort in mein Herz ein, oder mein Herz tritt in die Musik ein.“

Benedikt XVI. benennt drei Quellen der Musik: die Erfahrung der Liebe, der Trauer über Tod und Leid sowie die Begegnung mit dem Göttlichen. „Je reiner und je wahrer“ sie diese Erfahrungen zum Ausdruck bringe, desto besser sei die Musik. So gehört Musik unzweifelhaft zur Religion – ob gregorianischer Gesang, brausendes Orgelspiel oder schamanische Flötenklänge. Der britisch-amerikanische Schriftsteller Aldous Huxley, der sich intensiv mit mystischen Erfahrungen befasste, schrieb: „Was nach der Stille am ehesten das Unsagbare ausdrückt, ist die Musik.“

Von Roland Juchem