01.02.2012

Leben mit einem dementen Angehörigen: Wie bei Ijob kann das Leben nur noch Last sein

Nächte voller Mühsal

Manchmal fühlen sie sich ausgelaugt und hadern wie Ijob mit dem Schicksal. Doch oft bleibt keine Zeit dafür. Zu viel Kraft braucht eine vertraute und doch entfremdete Person. Zwei Frauen aus dem westfälischen Beckum schildern ihre Gefühle in der Betreuung eines geliebten Menschen mit der Diagnose Demenz.

„Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, / der Faden geht aus, sie schwinden dahin.“ (Ijob 7,6)

Claudia Brink liest den Bibelvers laut. „Das kann ich nachvollziehen“, meint die 52-Jährige und seufzt. „Ich habe Angst, dass mein Leben vor lauter Pflichten nur so vorbeieilt. Dann denke ich: Das kann doch nicht alles gewesen sein.“ Verschämt wischt sie ihre Tränen ab: „Normalerweise reiße ich mich zusammen.“ Sie zuckt mit den Schultern: „Eigentlich habe ich kein Recht, mich zu beklagen.“ Denn die Pflege ihres 92 Jahre alten Schwiegervaters Bernhard, der vor zwei Jahren an Demenz erkrankte, sei für sie „eine Ehrensache“. Sie verdanke ihm viel. Denn sie und ihr Mann lebten schon seit ihrer Hochzeit vor 25 Jahren in seinem Haus. „Wir sind eine Familie, ich habe meinen Schwiegervater sehr gern.“

Schätzungen zufolge sind mehr als eine Million Menschen in Deutschland an Demenz erkrankt. Zwei Drittel werden von Angehörigen gepflegt. Merkmale der Altersverwirrtheit, wie Demenz auch genannt wird, sind der geistige Verfall und eine massive Veränderung der Persönlichkeit. Manche Kranke sind antriebslos, andere aggressiv, manche haben furchtbare Ängste oder bilden sich Dinge ein. Den ,einen‘ typischen Verlauf jedoch gibt es nicht.

„Mein Schwiegervater ist zum Glück nicht aggressiv, sondern total lieb.“ Er versuche, sich noch nützlich zu machen und hilft im Garten oder Kartoffeln zu schälen. „Zuweilen macht das noch mehr Arbeit“, erklärt Claudia Brink. Sie könne ihn nicht eine Minute aus den Augen lassen – selbst wenn sie wollte. Er folge ihr auf Schritt und Tritt. „Das macht mich fertig.“ Häufig erzähle er die gleiche Geschichte immer und immer wieder, ohne zu merken, dass er sich wiederholt. „Fast jeden Tag packt er seinen Koffer und will weg“, berichtet sie. Es sei schon vorgekommen, dass sie den Schwiegervater suchen musste, als er per Anhalter zu einem Autohaus gefahren ist, um ein Auto zu kaufen. „Es hat Mühe gekostet, den Vertrag rückgängig zu machen“, erinnert sie sich.

„So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe, / und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu.“ (Ijob 7,3)

Die gelernte Arzthelferin, die stundenweise im Schichtdienst im Krankenhaus arbeitet, tut nachts oft kein Auge zu. Claudia Brink: „Ich wälze mich hin und her und organisiere im Kopf die nächsten Tage.“ Denn eine geregelte Tagesstruktur sei für Menschen mit Demenz unerlässlich. Das Frühstück müsse zur gleichen Zeit auf dem Tisch stehen, genauso das Mittagessen. Dass sich Claudia Brink ausge-
powert fühlt, ist verständlich. Pflegte sie doch schon ihre Schwiegermutter, die im vergangenen Jahr starb. An sich selbst denkt sie zuletzt. Erst am Ende des Gesprächs erwähnt sie, dass sie vor zweieinhalb Jahren an Krebs erkrankte und sich einer Operation unterziehen musste. „Vor lauter Arztgängen mit meinem Schwiegervater vergesse ich meine Nachsorgetermine“, lacht sie laut.

Überhaupt wirkt sie fröhlich und guter Dinge. Doch das täuscht. Claudia Brink leidet unter Depressionen. „Ich weiß, dass ich mehr für mich tun müsste“, meint sie. „Doch wenn ich mal zum Töpfern oder Sport gehe, habe ich ein schlechtes Gewissen.“ Fürs Erste hat sie sich einer Angehörigengruppe bei der Caritas angeschlossen. Dort tankt sie auf und kann sich austauschen. Hier lernte sie auch Franziska Schulenberg kennen. Die 73-Jährige pflegt ihren 77 Jahre alten Ehemann Franz. Sie sagt: „Mein Mann ist durch seine Krankheit ein anderer Mensch geworden.“

„Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde?“ (Ijob 7,1)

So empfindet auch Franziska Schulenberg zuweilen das Leben. „Ich frage mich: Was habe ich getan, dass ich so bestraft werde? Doch ich weiß, das ist Unsinn.“ Ihr Mann sei früher sanft und gutmütig gewesen. Durch Demenz und Parkinson ist er zum Pflegefall geworden. Franziska Schulenberg kümmert sich rund um die Uhr um ihn – schon seit sechs Jahren. „Außenstehende können sich nicht vorstellen, was es bedeutet, mit einem Demenzkranken zu leben.“ Ihr Mann sehe oft Gestalten, verfalle in Panik-
attacken und weine häufig. „Ich liebe ihn noch immer“, sagt die Seniorin. „Wir sind seit 52 Jahren verheiratet. Das verbindet einfach.“

„Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist. / Nie mehr schaut mein Auge Glück.“ (Ijob 7,7)

Glücksmomente empfindet Franziska Schulenberg selten. Zu sehr überschattet die Sorge um ihren Mann ihr Leben. „Manchmal erkennt er mich nicht. Und einmal hat er mich sogar angegriffen.“ Kraft und Trost spende ihr der Glaube. „Früher sind wir jeden Sonntag zur Messe gegangen“, erklärt sie. Das sei jetzt leider nicht mehr möglich. Wann immer sie kann, betritt sie eine Kirche und betet inniglich. Befreiend wirke es für sie, wenn sie weinen kann. „Doch dazu habe ich oft keine Gelegenheit. Ich möchte meine Gefühle nicht vor meinem Mann zeigen und es ihm noch schwerer machen.“ Franziska Schulenberg hat ihrem Franz etwas versprochen. „Am Anfang seiner Krankheit hat er mich angefleht, dass er auf keinen Fall in ein Heim möchte.“ Er wolle zu Hause bleiben – bis zum Ende. Die Seniorin bittet Gott darum, dass sie ihr Versprechen halten kann.

Heike Sieg-Hövelmann