02.12.2015

Vor 50 Jahren endete das Konzil

Nehmt den Glauben in die Hand

Befragt nach den Folgen des Zweiten Vatikanischen Konzils, nennen viele zuerst die neue Liturgie. Doch 50 Jahre später ist es längst Zeit, viel stärker nach außen zu wirken.

Ein Kind wird gesegnet: Gesten des christlichen Glaubens sind sanft, stark, ermutigend und liebevoll. Foto: kna-bild

„Aggiornamento“ (Verheutigung) ist ein Schlüsselbegriff, den Johannes XXIII. dem Konzil als Aufgabe mitgab. Das kann auch heißen: Gebt keine Antworten auf Fragen, die niemand stellt. Sondern schaut: Was aus dem reichen Schatz der Frohbotschaft wird heute verlangt und gebraucht?

Eine der wichtigsten Aufgaben des Konzils an die Kirche lautet daher: Erkennt die Zeichen der Zeit. Damit ist nicht gemeint: Lauft jedem Trend hinterher. Zeichen der Zeit sind vielmehr Entwicklungen und Errungenschaften, in denen sich nach sorgfältiger Prüfung Gottes Wille zu erkennen gibt. Der, so sah das Konzil ein, zeigt sich nicht nur in Bibel und Tradition, sondern auch außerhalb der Kirche.

Besonders deutlich wird das in zwei Dokumenten, die am 7. Dezember 1965, dem vorletzten Tag des Konzils, verabschiedet wurden: der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ sowie der Erklärung „Dignitatis humanae“ über die Menschenwürde. Darin anerkennt die Kirche Gewissens- und Religionsfreiheit sowie Demokratie, die sie kaum 100 Jahre zuvor noch verteufelt hatte. 

 

Konzil kennt Religionsfreiheit an

Doch Gottes Geist hatte sie eines Besseren belehrt. Diese modernen Werte liegen ganz auf der Linie der ältesten Offenbarungen: Gott schuf jeden Menschen nach seinem Bilde. Sein Sohn hat uns alle angenommen und erlöst. So erklärt das Konzil, „dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat“. Kein Mensch darf in religiösen Dingen gezwungen werden, „gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert werden, privat und öffentlich – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln“.

Neben dem Auftrag fortschreitender innerchristlicher Ökumene ist an einen weiteren Grundsatz zu erinnern: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde …“ Das gilt auch trotz des notwendigen Disputs mit Fundamentalisten.

Eine zweite Aufgabe des Konzils an das Volk Gottes harrt ebenfalls weiterer Umsetzung. „Die Kirche“ sind alle Gläubigen als „Volk Gottes“ auf ihrem je eigenen Weg durch seine Zeit. Alle haben „teil an dem prophetischen Amt Christi, in der Verbreitung seines lebendigen Zeugnisses vor allem durch ein Leben in Glauben und Liebe“ mit „Lippen, die seinen Namen bekennen“.

Anders formuliert: Nehmt euren Glauben in die Hand! Wälzt nicht alles auf Klerus oder Hauptamtliche ab. Informiert euch über den Glauben, betet frei, bekennt offen und handelt entschieden als Jünger Christi. Fallt nicht mit der Tür ins Haus, übt keinen Zwang aus. Doch lebt freimütig das, was ihr vom Evangelium verstanden habt. Warum sollten katholische Christen ihren Glauben verstecken, wenn Evangelikale, fromme Muslime und Juden dies nicht tun? Diese Welt braucht das Evangelium.

Von Roland Juchem