10.02.2016

Was man tun muss, um in den Himmel zu kommen

Nur glauben - reicht das?

Es ist ein klassischer katholisch-evangelischer Konflikttext: „Wer mit dem Herzen glaubt, wird Heil erlangen.“ Nur glauben? Reicht das denn? Und was ist mit den guten Werken?

 

Ein christgläubiger Mensch wird beten, die Bibel lesen - doch reicht das? Foto: kna-bild

Regina Radlbeck-Ossmann ist Professorin für Katholische Dogmatik und Systematische Theologie. Ausgerechnet im Stammland der Reformation, ausgerechnet an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg. 

Katholisch sein in der Protestantenstadt, ist eine Herausforderung, vor allem auch, da der mitteldeutsche Raum in weiten Strecken als entkirchlicht gelten kann. Doch Radlbeck-Ossmann weiß: Diese doppelte Diasporasituation bietet auch Chancen. An einer so kleinen Fakultät lässt sich viel intensiver im Austausch miteinander arbeiten, können sich Studenten wie Professoren wichtigen theologischen Fragen auf ganz neuen Wegen nähern. 

So zum Beispiel auch in Auseinandersetzung mit dem Römerbrief und dem klassischen katholisch-protestantischen Konflikttext, den die Lesung dieses Sonntags bietet: „Wenn du mit deinem Mund bekennst: ,Jesus ist der Herr‘ und in deinem Herzen glaubst: ,Gott hat ihn von den Toten auferweckt‘, so wirst du gerettet werden. Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen.“ (Römerbrief 10,9–10)

 

Was nutzt es, wenn die guten Werke fehlen?

Diese Versicherung des Apostels Paulus sollte die Empfänger des Briefes in Rom stärken – und soll klarmachen, wie Paulus den christlichen Glauben versteht. Er war noch nie in Rom gewesen, will aber bald mal hin; der Brief ist auch eine Art persönliche Vorstellung. 

Glaube reicht für das Heil: Dieses Versprechen stärkt auch heute noch die Gläubigen der Gegenwart. Und dennoch: Heißt es nicht im Jakobusbrief, der schließlich genauso im Neuen Testament steht, dass ein Glaube, der keine Werke vorzuweisen habe, tot sei? „Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ Nein, ist der Verfasser dieses Rundschreibens an viele Gemeinden überzeugt. Ein Widerspruch?

Für Regina Radlbeck-Ossmann muss es zumindest keiner sein: „Für Paulus ist dieses ‚Für-wahr-Halten‘, dass Jesus der Messias ist, auch nicht genug. Er spricht davon, mit dem Herzen zu glauben und meint damit die Mitte der Person, ihre ganze Persönlichkeit.“ Für den Juden Paulus ist das Herz der Sitz der Emotionen, Werthaltungen und Erinnerungen. „Mit dem Herzen glauben bedeutet also, als ganze Person von Gottes Liebe erfasst zu sein.“ 

Und das hat dann konkrete Folgen im täglichen Leben: „Aus dem Glauben, den wir bekennen, aus der Erkenntnis, dass Jesus der Herr ist, müssen zwangsläufig gute Werke folgen.“ So wie es auch der Evangelist Matthäus beschreibt, bei dem es heißt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Matthäus 7,21). 

 

Gott schafft ein Klima des Wohlwollens

Bekenntnis im Sinne des Paulus ist also, da ist sich Radlbeck-Ossmann sicher, kein „Lippenbekenntnis“, sondern selbst schon eine Tat: „Wenn man sich in der eigenen Mitte, also im Herzen, von Gott hat erfassen lassen, dann besitzt man den Glauben ganz und unverfälscht.“

Dieses Angenommensein vor Gott, mit ihm im Reinen zu sein, das alles umfasst der Begriff der „Rechtfertigung“, der untrennbar mit dem Text des Römerbriefes verbunden ist und der lange Zeit katholische und evangelische Kirche entzweit hat. Doch der Begriff „Rechtfertigung“ ist in der Gegenwart alles andere als geläufig und bedarf der Erklärung. Denn sich zu rechtfertigen, hat in unserer Alltagssprache einen negativen Anstrich. Man begegnet dem, der sich rechtfertigt, mit Argwohn. Was wird er anführen, welche Vorwände präsentieren, welche Ausreden parat haben, um sich für eine Tat zu „rechtfertigen“? 

„Die allgemeine Bedeutung des Begriffes ,Rechtfertigung‘ stellt für die Theologen eine Hürde dar“, betont Regina Radlbeck-Ossmann. Sie bevorzugt deshalb den zeitgemäßeren Begriff des „Wohlwollens“: „Gott schafft ein Klima des Wohlwollens und Gelingens, in dem der Mensch frei wird von der Sorge um sich selbst und merkt, dass er in diesem Klima über sich hinauswächst und freier wird.“ Der Mensch, der naturgemäß nach Glück strebt, kann durch diese Erkenntnis „beflügelt werden, auch Wohlwollen gegenüber anderen zu üben“. Auch gegenüber denen, von denen er keine Gegenliebe zu erwarten hat. Das sei das „ganz Besondere am christlichen Glauben“. 

Das Wohlwollen Gottes, die bedingungslose Liebe, die er verspricht, verändert jeden, der sie erfährt, ist sich Radlbeck-Ossmann sicher. Doch diese Zuversicht bedeutet nicht, sich bequem damit einzurichten und die Hände in den Schoß zu legen, frei nach dem Motto: „Ich glaube, den Rest wird Gott schon richten.“ Die Theologin: „Wer den Mut hat, sich von der Liebe Gottes verwandeln zu lassen, der wird aus freien Stücken das Gute tun und darauf vertrauen, dass der Segen Gottes darauf liegt.“

Von Diana Steinbauer