24.06.2016

Kommentar

Nur Kontakte helfen

Eine neue Studie zeigt: So ganz hat es mit der Integration der türkischstämmigen Zuwanderer nicht geklappt. Sie fühlen sich wohl in Deutschland - aber nicht anerkannt. Ein Kommentar dazu von Susanne Haverkamp.

Wie geht es eigentlich den Türken in Deutschland? Das hat eine Emnid-Umfrage des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Uni Münster gefragt und herausgefunden: Im Prinzip fühlen sie sich wohl – aber von der deutschen Gesellschaft abgelehnt. Und genau diese Ablehnung ist Nährboden für für eine radikalere Haltung und eine vehemente Verteidigung des Islam und der eigenen Kultur.

Überraschen kann das nicht. Druck erzeugt Gegendruck, wer sich abgelehnt fühlt, umgibt sich mit Gleichgesinnten und gemeinsam schärft man seine Position. 

Ebenso wenig überrascht die Tendenz, sich kulturell zusammenzuschließen. Traditionelles Essen, traditionelle Musik, traditionelle Gewohnheiten – das pflegen nicht nur Türkischstämmige in Deutschland miteinander, das geschieht überall, wo größere Gruppen aus einer anderen Nation und Kultur in ein fremdes Land kommen. Im 19. Jahrhundert rotteten sich auch die Deutschen in den USA zusammen, „Chinatown“ gilt geradezu als Sehenswürdigkeit in amerikanischen Großstädten und auch viele „Russlanddeutsche“ bilden eine verschworene Gemeinschaft.

Problematisch wird es erst dann, wenn berechtigte Pflege der eigenen kulturellen Wurzeln und das Miteinander in der Gesellschaft gegeneinander-stehen, wenn sich Ablehnung auf beiden Seiten verfestigt – und diese Gefahr ist momentan in Deutschland relativ hoch. Der friedliche Türke am Band bei VW, der Besitzer der Dönerbude oder die Kopftuchträgerin in der Änderungsschneiderei – sie alle fühlen sich in Sippenhaft genommen, obwohl sie genauso friedliche Zeitgenossen sind wie die meisten Deutschen. Und die fühlen sich mitunter schon unwohl, wenn sie auf dem Bahnsteig neben einem jungen Araber mit Rucksack stehen. Wenn sich das fortsetzt, wird Radikalität wachsen – und das auf beiden Seiten: bei gewaltbereiten Muslimen wie bei gewaltbereiten Fremdenhassern.

Was dagegen hilft, kann sich jeder denkende Mensch vorstellen: Kontakte. Wer beim Saisonabschlussgrillen des Fußballclubs mit türkischen Eltern plauscht, wer mit Mitgliedern einer Moscheegemeinde soziale Aktionen auf die Beine stellt, wer den kleinen Lukas zu seinem Freund Ali zum Spielen bringt, der fühlt sich weniger bedroht. Und wer als Türke die deutsche Lehrerin wertschätzt, mit der berufstätigen Mutter des kleinen Lukas lacht und mit den Nachbarinnen in Shorts und Top Fußball guckt, der wird auch unserer westlichen Kultur mehr Respekt entgegenbringen.

Von Susanne Haverkamp