23.09.2016

Kommentar

Ohne Angriffe

Am vergangenen Wochenende fand zum zwölften Mal der "Marsch für das Leben" in Berlin statt - eine von vielen Initiativen zum Lebensschutz. Doch was ist der richtige Weg, sich für einen besseren Schutz einzusetzen? Ein Kommentar von Ulrich Waschki.

In Belgien gab es in diesen Tagen den ersten offiziellen Fall von Sterbehilfe bei einem Minderjährigen. In Deutschland ist die Zahl der Abtreibungen im ersten Halbjahr gestiegen. Der umstrittene Bluttest zur Diagnose des Down-Syndroms soll Kassenleistung werden. 90 Prozent aller Kinder, bei denen im Mutterleib das Down-Syndrom festgestellt wird, werden abgetrieben. In weiten Teilen der Bevölkerung ist das Bewusstsein verloren gegangen, dass Abtreibung gesetzlich verboten ist, unter bestimmten Umständen lediglich straffrei bleibt. Nein, um den Lebensschutz ist es in unseren Breiten nicht zum Besten bestellt. 

Doch was ist der richtige Weg, sich für den besseren Schutz des Lebens in allen seinen Phasen einzusetzen? Vielleicht gibt es den gar nicht, sondern, wie so oft im Leben, viele Wege und Möglichkeiten. 

Klar ist: Die Debatte polarisiert. Der „Marsch für das Leben“ in Berlin am vergangenen Wochenende musste unter massivem Polizeischutz stattfinden. Ein Skandal, dass Menschen in der weltoffenen Metropole Berlin solche Probleme mit der freien Meinungsäußerung haben, dass eine vergleichweise kleine Gruppe friedlicher Demonstranten von der Polizei so geschützt werden muss.

Oft genug haben Lebensschützer aber ihrer eigentlich guten Sache Bärendienste erwiesen. Etwa indem sie die Haltung zum Lebensschutz an der Haltung zum „Marsch für das Leben“ maßen in der viel zu einfachen Formel: Wer den Marsch nicht unterstützt, hat es nicht so mit dem Lebensschutz. Oder wenn die Rhetorik zu aggressiv wird, wenn sie mit brutalen Schockbildern arbeiten, wenn sie andere Menschen verurteilen. Allzu einfache Botschaften oder gar Angriffe verkennen die persönliche Dramatik, in der sich Fragen von Leben und Tod stellen. 

Deswegen war es gut, dass Erzbischof Koch die Bühne beim „Marsch für das Leben“ nutzte, um nicht anzugreifen, sondern um alle Menschen zu bitten, andere Menschen leben zu lassen. Gut auch, dass er den Blick weitete auf andere Gefahren für das Leben. Koch fand verbindende, moderate Töne, ohne dabei die klare Botschaft zu verlieren. 

Beeindruckend waren in Berlin die Statements von Betroffenen – von einer jungen Frau mit Down-Syndrom oder einer Mutter, die ihr behindertes Kind zur Welt brachte, damit es noch im Kreißsaal in ihren Armen sterben konnte. Positive, wenngleich auch leidvolle Erfahrungen, die für das Leben werben statt plakativer Sprüche und Angriffe. Das ist die richtige Richtung.

Von Ulrich Waschki