08.04.2014

Fünf-Tage-Kosmos: das Projekt Kinderstadt

Regieren wie die Großen

Ihre Stadt existiert nur fünf Tage lang, ihre Erfahrungen aber halten vermutlich länger: 120 Kinder und Jugendliche tauchen ein in die Erwachsenenwelt: Sie leben und arbeiten ohne Eltern in ihrer eigenen Kinderstadt – an der Osnabrücker Thomas-Morus-Schule.

 

Auch in der Kinderstadt müssen die Bewohner rechnen: Hier gibt es aber keine
Euro, sondern eine Währung namens Tomo. Fotos: Thomas Osterfeld

Montagmorgen, 10.30 Uhr: Bürgermeisterin Maida Schlenter empfängt Gäste. Trotz der vielen kniffligen Aufgaben, die die Zehnjährige seit ihrer Wahl vor zwei Tagen erledigen muss, wirkt sie souverän. In geheimer Abstimmung habe sie 51 Stimmen bekommen, sagt Maida. „Ich habe bei der Vorstellung gesagt, dass ich schon mal Klassensprecherin war.“ Das zog offenbar als Argument.

Heute, am Tag 3, hat sie schon so einiges entschieden als Oberhaupt der Kinderstadt. Zum Beispiel regelte sie mit ihrem Amtskollegen, einem Jungen aus Dalum, und den vier Stadtratsmitgliedern, dass ehrenamtlich Tätige kein Geld bekommen, sondern nur Urkunden. Zu entscheiden hatte Maida auch, wofür die Steuermittel verwendet werden können, und ob die stadteigene Währung namens Tomo gestückelt werden soll oder nicht.

Wie alle anderen Stadtbewohner arbeitet Bürgermeisterin Maida aber nicht nur, sondern genießt auch Freizeit. Dann macht das Mädchen aus Hasbergen das, weshalb es in die Kinderstadt gezogen ist: „Ich wollte andere Kinder kennenlernen.“ Eine Freundin hat sie schon gefunden. Und ganz allein sei sie sowieso nicht hier. Auch ihre älteren Geschwister sind Bürger der halbvirtuellen Stadt. Plötzlich ist die Bürgermeisterin verschwunden. Wenig später taucht sie im Kosmetikstudio auf. Auch Bürgermeister haben schließlich mal frei, um Geld auszugeben.

Fünf-Tage-Kosmos – wie eine echte Kleinstadt

Geografisch zu finden ist der Fünf-Tage-Kosmos Kinderstadt in der Osnabrücker Thomas-Morus-Schule. Vieles hat die Juniorcity wie ihr Vorbild aus der Welt der Großen organisiert. Es gibt eine Bank, Bäckerei und Tischlerei. Eine Kirche bietet die Kinderstadt ebenso auf wie ein Arbeitsamt, die Post und eine Pressestelle.
 

Bürgermeisterin für fünf Tage:
Maida Schlenter. Foto: Stefan
Buchholz

Ins Leben gerufen wurde die Kinderstadt von der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) des Diözesanverbandes Osnabrück. „Insgesamt haben wir die Kinderstadt zwei Jahre vorbereitet“, sagt Theresa Westhuis beim Stadtrundgang. Es geht vorbei am Großmarkt, wo sämtliche Waren bestellt und gekauft werden können, an einem Kosmetikstudio, das von der Maniküre bis zur Haarauffrischung alles bietet, bis hin zum Kreativbüro, wo gerade eine Abendveranstaltung vorbereitet wird.

Theresa Westhuis half mit, der Kinderstadt Strukturen zu geben. Es musste geklärt werden: Wie wird gearbeitet? Wie viel Lohn gibt es pro Stunde? Wie löst man generell die Währungsfrage? Wie lautet das unumstößliche Grundgesetz der Kinderstadt? „Das alles konnten wir mit den 30 Gruppenleitern vorbereiten. Aber wir wussten ja nicht, wie die Kinder reagieren“, berichtet Theresa Westhuis.

Mit einem weiteren KJGler sitzt sie im Ältestenrat der Kinderstadt, zusammen mit den zwei Bürgermeistern und vier Stadtverordneten. Der Ältestenrat achtet darauf, dass bestimmte Regeln eingehalten werden. Und ab und zu gibt er Ratschläge. „Ansonsten machen die Kinder alles unter sich aus“, sagt Theresa Westhuis. Und das klappt richtig gut. Selbstständig entscheiden die Kinderstadtbürger, dass sich die Arbeitsamtmitarbeiter keine Jobs zuschustern dürfen. Oder: Wer die Nachtruhe stört, muss nach Verwarnungen bis zu drei Tomo zahlen, die an die Stadtkasse fallen.

Kinder lernen, dass ihre Stimme etwas bewirkt

Um das „wahre Leben“ aus eigenem Vermögen zu bestehen, war eine Grundbedingung: Die Kinderstadt ist elternfreie Zone. Lediglich einmal an den fünf Tagen können Mütter und Väter an einer Führung mit den beiden Bürgermeistern teilnehmen.

„Wir haben die Kinderstadt zum ersten Mal angeboten“, sagt Theresa Westhuis. Mit dem Ziel, Kinder zu stärken. Denn das sei einer der Grundsätze der KJG. „Wir wollen den Kindern zeigen, dass ihre Meinung wichtig ist und ihre Stimme etwas bewirken kann.“

Stefan Buchholz