08.11.2011

Ausstellung über Rituale zur Todesstunde

Sargtragen ist Ehrensache

Den verstorbenen Vater zu Hause im Wohnzimmer aufbahren – das war früher ganz normal.  Eine Ausstellung im Lingener Emslandmuseum erzählt von Ritualen zur Todesstunde. Gerade in den Dörfern halten sich viele Bräuche bis heute.

 

So war es früher: Die Verstorbenen wurden im offenen Sarg zu Hause aufgebahrt.
Foto: Bildarchiv Emslandmuseum

Schon nach zwei Schritten sieht der Besucher, worum es im Emslandmuseum geht. Direkt neben der knallroten Urne im Herzformat steht ein Sarg auf dem Fußboden. „Um den machen die meisten Gäste erst mal einen großen Bogen“, sagt Andreas Eiynck. Er bleibt davor stehen und weist auf zwei Schwarz-Weiß-Fotos an der Wand. Die verblichenen Aufnahmen zeigen ein Kind und eine ältere Frau: tot, aber liebevoll mit Blumen geschmückt und zuhause aufgebahrt. „Die meisten Menschen starben früher im Kreis ihrer Familien“, sagt der Museumsleiter. „Das ist heute nicht mehr immer so.“

Nicht nur das hat sich verändert beim Umgang mit Tod und Sterben. Davon erzählt jetzt eine Ausstellung im Lingener Emslandmuseum. Eiynck hat vorher viele Berichte von Emsländern gelesen, Totenzettel von 1830 bis in die Gegenwart studiert, Bestatter interviewt. Acht Themenblöcke sind das Ergebnis dieser Recherche. Auf Infotafeln und Fotos, in Texten und Vitrinen geht es um christlichen Jenseitsglauben und Grabkultur, um Beerdigungsriten und Gedenktage, um Bräuche zur Todesstunde. Da sehen die Besucher zum Beispiel filigranen Schmuck – zur Erinnerung geflochten aus dem Haar einer verstorbenen Frau.

Nachbarn beteten und wachten bei den Toten

Denn früher war der Tod mehr in Leben und Alltag integriert, der Umgang damit durch viele Rituale geprägt. Noch bis in die sechziger Jahre, berichtet Eiynck, liefen die meisten Beerdigungen im Emsland nach einem festen Muster ab. Die Nachbarn organisierten den Termin, wuschen die Leiche, kleideten sie mit dem Totenhemd ein, beteten und wachten bei dem Verstorbenen bis zur Beerdigung. Quer durchs Dorf formierte sich dann der Trauerzug, mit Stationen an Kreuzen und Wegeklausen. „Früher führte der letzte Weg von zu Hause zum Friedhof, heute von der Kapelle zur Grabstelle“, sagt Eiynck.

Nicht alle Bräuche sind verschwunden, gerade im ländlichen Raum halten sich einige bis heute. Da sind die Nachbarn gleich zur Stelle, wenn jemand gestorben ist – geben der Familie damit Sicherheit. „Meist sind sie noch vor dem Pastor da“, sagt Angelika Völlering, die sich in Haselünne als Trauerbegleiterin engagiert. Aus ihrem Geburtsort Rühlerfeld und aus Haselünne weiß sie, dass viele Nachbarn völlig selbstverständlich eine lange Liste von Aufgaben übernehmen: vom Beschriften der Trauerpost über das Sargtragen bis zum Kaffeeausschenken. „Darüber wird nicht groß geredet, das ist Ehrensache.“

„Eine ganze Dorfgemeinschaft steht hinter mir"

Wie in Rühlerfeld bewahren auch die Groß Heseper viele Rituale. In Hesepermoor läutet eine kleine Glocke für den Verstorbenen, die Nachbarn gehen beim „Totenansagen“ von Haus zu Haus, informieren über Rosenkranzgebet und Beerdigung. Und wie im Hauptdorf heben viele Einwohner das Grab für ihre Nachbarn selbst aus. Angelika Völlering freut sich über solche Gesten – wohlwissend, dass vielerorts schon enge Nachbarschaften fehlen oder berufsbedingt kaum Zeit für diese Dienste ist. „Aber wenn es in einem Dorf noch so natürlich läuft, dann spüren die Betroffenen: Eine ganze Gemeinschaft steht hinter mir.“

Bei seinen Nachforschungen hat Andreas Eiynck auch festgestellt, dass ein fast verschwundener Brauch zurückkehren könnte: die Aufbahrung zu Hause. Das bestätigt Angelika Völlering durch ihre Mitarbeit bei einem Bestatter. „Wir raten den Familien dazu, ihre Verstorbenen noch etwas bei sich zu behalten“, sagt sie. Bis zu 36 Stunden ist das möglich, mit einer Genehmigung vom Gesundheitsamt noch länger.

Die Trauerbegleiterin hat den Eindruck, dass sich durch das Engagement vieler Hospizvereine der Umgang mit dem Tod erneut wandelt: weniger tabuisiert und anonym, mehr persönlich und zugewandt. Die bisher gute Resonanz auf die Ausstellung im Lingener Museum unterstreicht das. Vielleicht machen die nächsten Besucher keinen Bogen mehr um den Sarg.

Petra Diek-Münchow

 

Zur Sache

Mit Beginn der dunklen Jahreszeit zeigt das Emslandmuseum an der Burgstraße 28b in Lingen eine Ausstellung über Tod und Sterben früher und heute, Beerdigung und Grabkultur. Auch Gedenktage wie Allerheiligen oder Totensonntag werden mit ihren historischen Hintergründen und Brauchtum erklärt.
Die Ausstellung ist bis 31. Dezember zu sehen und dienstags bis sonntags von 14.30 bis 17.30 Uhr geöffnet. Führungen können vereinbart werden. Für Gruppen bietet das Museum auch einen Einführungsvortrag an. Nähere Infos unter Telefon 05 91/4 76 01. Internet: www.museum-lingen.de