29.06.2015

Benedikt XVI. besucht Castel Gandolfo

Seine Welt sind die Berge

Papst Franziskus liebt die Großstadt und bleibt auch bei heißen Sommertemperaturen lieber in Rom. Seinen Vorgänger Benedikt XVI. hingegen zieht es wieder in die päpstliche Sommerresidenz nach Castel Gandolfo - sehr zur Freude der Besitzer von Cafés und Souvenirshops.

Benedikt XVI. zieht es in diesen Tagen ins kühlere
Castel Gandolfo. Foto: kna-bild

Pünktlich am Nachmittag setzt in Castel Gandolfo frischer Wind ein. Wenn sich die Luft über dem Land aufgeheizt hat und aufsteigt, fließt von der nahen Küste kühlere Seeluft nach. Nur 30 Kilometer nördlich, in den stickigen Gassen Roms, merkt man davon wenig. Rom und Castel Gandolfo im Sommer - das ist der Unterschied zwischen einem Fass voll heißem Motoröl und einem kühlen Glas Wasser. Seit 400 Jahren haben sich fast alle Päpste für das Wasserglas entschieden und die warmen Monate hier oben in ihrer luftigen Residenz, 150 Meter über dem Albaner See verbracht. Erst Franziskus verschmähte Schloss, Gärten und Aussicht des 55-Hektar-Anwesens: zu viel Luxus, befand er. Zum Schrecken der Gandolfiner - denn mit Franziskus blieben auch die Touristen aus. 

Doch ab Freitag kommt Benedikt XVI. für mehrere Wochen zurück in "sein" Castel Gandolfo. "Hier finde ich alles: die Berge, den See - ich kann sogar das Meer sehen - und nette Menschen." Sein Zitat prangt auf einer Steinplatte an der Rathauswand, auf der kleinen Piazza vor dem päpstlichen Domizil. Und ein bisschen erinnert der adrette Ort an eine verschlafene Kleinstadt aus Benedikts bayerischer Heimat. Hier schrieb er an Büchern und Enzykliken, hörte Konzerte, empfing Staatsgäste - und zog Tausende Pilger und Touristen an. 

 

In Castel Gandolfo sind sie Benedikt treu geblieben

Malerischer Ausblick über den See bei Castel Gandolfo.
Foto: kna-bild

Vor allem an den Sonntagen, wenn zum Angelus-Gebet der Innenhof der Residenz für Besucher geöffnet wurde. "Dann parkten da unten die Reisebusse. Oft hatten wir Tausende Touristen, besonders aus Deutschland", erinnert sich der Besitzer eines Souvenir-Shops gegenüber dem großen Tor, das nun geschlossen ist. "Die Leute blieben zwei Stunden, kauften und konsumierten. Schauen Sie sich das hier an", sagt der Mann und zeigt auf seine Regale. Darin türmen sich Heiligenfiguren und Kaffeetassen mit den Konterfeis der Päpste seit Johannes XXIII. (1958-1963). Auch Benedikts Porträt ist vertreten - das man in Roms Devotionalienläden nur noch selten findet. 

Hier sind sie ihm treugeblieben, seit er sich am 28. Februar 2013 vom Fenster über der Piazza aus zum letzten Mal als amtierender Papst von der Menge verabschiedete. "Buona notte", sagte er damals. Im Jahr darauf hatte der heute 88-jährige Emeritus einen Sommeraufenthalt noch abgelehnt, zu dem ihn sein Nachfolger Franziskus eingeladen hatte - wohl aus Respekt vor dessen eigener Entscheidung, in Rom zu bleiben.

"Wir lieben ihn, es ist sehr gut, dass er jetzt kommt", schwärmt eine betagtere Wirtin im Cafe gegenüber. Den Espresso brühten sie und ihr Mann hier schon zu Zeiten von Johannes Paul II. (1978-2005) für ihre Gäste. Aber den Deutschen mit der leisen Stimme habe sie besonders ins Herz geschlossen. 

Doch die alten Zeiten kehrten unter dem jetzigen Papst nicht zurück, meint 30 Meter weiter am Ende der Piazza ein Schmuckverkäufer mit hübschen Korallenketten in der Auslage, das Stück für 100 bis 130 Euro. "Noch ist hier keiner bankrott - aber wir leben doch nur von den Rücklagen"; der Unmut in seiner Stimme ist hörbar. Auf die Frage, ob er einen möglichen Rücktritt des argentinischen Papstes herbeisehne, muss er kurz überlegen. "Ich respektiere seine Entscheidung, in Rom zu bleiben. Er ist ja nicht der 'Papst von Castel Gandolfo'. Aber der nächste sollte wieder traditionsbewusster sein und den Sommer hier verbringen."

Die wirtschaftlichen Sorgen von Einzelhändlern in römischen Naherholungsgebieten dürften Franziskus fremd sein. Sein Maßstab ist die existenzielle Not in den Slums von Buenos Aires und anderen Metropolen. Aber auch persönliche Vorlieben prägen offenbar seine Abstinenz von Castel Gandolfo: Er sei ein Großstadtmensch, bekannte der Papst kürzlich im Interview einer argentinischen Zeitung. "Auf dem Land könnte ich nicht leben." Und überhaupt: Den letzten Urlaub habe er 1975 gemacht. 

Womöglich wird Franziskus seinem Vorgänger in dieser Woche aber doch für zwei Tage Gesellschaft leisten, bevor er am Sonntag zu seiner Südamerika-Reise aufbricht. Berichte darüber wollte der Vatikan bislang allerdings nicht bestätigen. Es wäre das erste Mal, dass zwei Päpste gemeinsam "Urlaub machen".

kna