16.07.2013

Sozialwissenschaftler warnt vor Auswirkungen der „Turbogesellschaft"

Sind wir beschleunigungskrank?

Familienleben kann ganz schön hektisch sein. Oft geht der Stress direkt nach dem Aufstehen los und endet abends auf dem Sofa mit den Gedanken daran, was morgen wieder alles zu tun ist. Mehr Zeit für das Leben und beim Lernen fordert der promovierte Soziologe und Politologe Fritz Reheis von der Universität Bamberg.

 

Sie bezeichnen die Gesellschaft als „beschleunigungskrank“. Warum?

Es geht alles immer schneller, und dennoch haben wir immer weniger Zeit. Schon Kinder stehen unter Druck: Turbokindergärten, Turboschulen und Turbouniversitäten bereiten sie bestens auf unseren Turbokapitalismus vor. Viele werden krank – leiden an Burnout oder unter Depressionen. Die Natur nimmt Schaden, weil es nicht um Nachhaltigkeit geht, sondern um Gewinne. Wir versuchen auf Teufel komm raus, Naturprozesse für bessere Erträge zu beschleunigen.

Woher kommt dieses Schneller, Höher, Weiter?

Das ist eine Folge von Industrialisierung und Kapitalisierung. Heute bestimmen die Finanzmärkte die Weltökonomie; nach deren Kommando müssen alle tanzen. Zwischenmenschlichkeit bleibt auf der Strecke.

Sind Sie gegen Fortschritt?

Die Form des Fortschritts, die wir haben und die sich am Wachstum des Bruttosozialprodukts misst, lehne ich ab. Fortschritt sollte mit menschlichem Fortschritt zu tun haben. Mit Zeitwohlstand, der die Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes, gesundes und glückliches Leben erhöht.

Was meinen Sie mit Fastfoodbildung?

Die Turboschule versucht, Wissen in die Köpfe der Schüler zu pressen. Alles wird mundgerecht serviert, möglichst leicht verdaulich – ohne Kauarbeit. Diese Wegwerfbildung findet nur für gute Noten statt. Sind die Schüler geprüft, vergessen sie alles genauso schnell, wie sie es sich vorher angeeignet haben. Es bleibt nichts haften.

Was können Eltern tun?

Ihre Kinder nicht unter Druck setzen, sich mit ihnen solidarisieren. Und: Sich Initiativen anschließen, wie der Aktion „Humane Schule“. Denn alleine hat man eh keine Chance.

Wie die Balance insgesamt wiederherstellen?

Menschen müssen die Zeit bekommen, über das nachzudenken, was sie wollen und wo es eigentlich hingehen soll. Das sollte auf allen Ebenen passieren – in der Familie, in der Schule, in den Betrieben, in den Parlamenten, in den internationalen Organisationen. Denn das „Wohin?“ haben wir vollkommen aus den Augen verloren.

Interview: Heike Sieg-Hövelmann

 

Lesen Sie auch einen Artikel über Entschleunigung im Familienleben in der neuen Ausgabe des Kirchenboten