12.08.2015

Kirchenmusik

Singt aus vollem Herzen

„Singt und jubelt aus vollem Herzen!“, werden die Christen in Ephesus aufgefordert. Der Gemeindegesang hierzulande könnte diese Aufmunterung ebenfalls gebrauchen. Denn es geht besser. Und Experten sagen auch, wie.

Neuere religiöse Musik, wie etwa Gospels, entsprechen eher dem Musikgeschmack und dem Glauben vieler Menschen. Aber auch altes Liedgut kann man begeisternd mitsingen. Foto: epd-bild

„Wenn ich in der Kirche bin, klingt das oft alles traurig und lustlos“, klagt jemand bei einer Gemeindebefragung. Ein anderer weiß, an wem es liegt: „Wenn ich eine bestimmte Person schon zur Orgel hinaufsteigen sehe, klappe ich das Gotteslob gleich wieder zu.“ Christen anderer Kontinente bestätigen solche Eindrücke: „Wenn unsere Gottesdienste und die Musik so wären wie hier bei euch, kämen wohl auch viel weniger Menschen“, meint John Kwasi Asare, Pfarrer einer Gemeinde in Ghana.

Einmal greift nur die Hälfte zum Buch, ein anderes Mal leiert der Gesang an der ungefähren Melodie entlang: Pausen, halbe Note, punktierte Note? Egal … Aber es gibt auch Ausnahmen. Dann erwacht – um einen Vergleich zu bemühen – die „katholische Ostkurve“ zum Leben und schmettert „Großer Gott, wir loben dich“ oder „Fest soll mein Taufbund immer stehn“.

 

Gemeindegesang als Touristenattraktion

Dennoch käme hierzulande kein Tourist auf die Idee, einen Gottesdienst wegen des Gemeindegesangs zu besuchen. Anders im New Yorker Stadtteil Harlem. Dort hat es etwa die Abyssinian Baptist Church in internationale Reiseführer geschafft. Hier sind „Psalmen, Hymnen und Lieder, wie der Geist sie eingibt“ – um den Epheserbrief zu zitieren – wesentlicher Bestandteil der ansonsten schlichten freikirchlichen Liturgie. Das steckt an: Am Ende, als Gemeindemitglieder längst klatschen, ja tanzen, hält es auch den coolsten Touristen nicht mehr in der Bank. Und einige stimmen mit ein: „Thank you – we are one – praise the Lord!“ 

Warum ist Gospelmusik so populär? „Sie hat einen ‚Drive‘, der Leute mitzieht. Da geht etwas ab, das ist Musik pur“, sagt Matthias Kreuels, Professor für Kirchenmusik in Trier und Aachen. Außerdem beherzige sie einfach „das Handwerkliche, das unserer Musik oft fehlt“. Denn „ein ordentliches Orgelvorspiel mit einem klar erkennbaren Tempo, eine Tonart, die der Stimmlage der Gemeinde angemessen ist, ein Priester, der hin und wieder auf Liedtexte eingeht … Wenn das zusammenspielt, kann’s abgehen im Gottesdienst“, sagt Kreuels, der jahrzehntelange Erfahrung in Gemeinden, bei Workshops und in Gottesdiensten hat. 

Micha Keding, Jazz- und Kirchenmusiker, Bandmusiker und Leiter zahlreicher Workshops für Gospelmusik aus Achim bei Bremen, sieht das ähnlich, denn auch Gospel, Neues Geistliches Lied oder sogenannte Worshipmusik klingen nicht automatisch flott. „Der Anleiter muss es gut machen“, bestätigt er. „Wer vorne steht, muss grooven, den Beat rüberbringen, muss stimmlich auf der Höhe sein.“

Wenn Keding in seinen Workshops geistliche Musik einstudiert, fehlt selten ein Hinweis auf den Text: „Überlegt euch, was das heißt: ‚I am loved‘ oder ‚I thank you God‘ und dann zeigt das auf eurem Gesicht.“ Zu Gospelworkshops und -gottesdiensten kommen Teenies und Leute über 60 – und alle singen begeistert mit. „Es sind jene“, sagt Keding, „die es noch nicht aufgegeben haben, ihren Glauben zeitgemäß leben zu wollen.“ Wobei Keding sich strikt dagegen verwahrt, von alt und unattraktiv zu sprechen, nur weil eine Orgel spielt. „Bei Bach gibt es Harmonien, die kann man 1:1 in den Jazz übertragen. Und Händels ‚Messias‘ hat eine unbändige Kraft.“

 

Das neue Gotteslob bietet für alle was zum Mitsingen

Was aber ist mit der normalen Sonntagsmesse? Gute Musik im Gottesdienst sei nicht vor allem eine Frage des Geschmacks, sagt Matthias Kreuels. Das neue Gotteslob biete für fast jeden etwas zum Mitsingen. „Eine normale Sonntagsmesse darf ruhig eine gewisse musikalische Breite bieten. Und wenn alle zusammenwirken, können auch alle mitsingen“, ist er sich sicher. 

Überhaupt das Miteinander …Viele Gottesdienste, so Kreuels, seien deswegen trist, weil „die verschiedenen Akteure zu wenig zusammenarbeiten. Mancherorts mauern die Beteiligten sogar regelrecht“. So könnten etwa Chormitglieder als normale Gottesdienstteilnehmer vorne in den ersten Bänken Schwung in die Feier bringen. Auch der Platz des Organisten sei nicht gottgegeben. Auf der Orgelempore fehlt oft der Kontakt zu Priester und Gemeinde. Da solle sich der Kirchenmusiker ruhig einmal mit einem Keyboard nach vorne setzen und von dort die Gemeinde zum Singen animieren. „Wir sollten die Leute nicht unterfordern“, sagte Kreuels.

Zudem lässt sich die Musik-kultur einer Gemeinde bereichern, wenn „nicht immer nur
Eucharistiefeiern oder Rosen-kranzandachten gefeiert werden“. Laudes, Vesper, Wortgottesdienste, Andachten, Taizégottesdienste bieten Möglichkeiten für mehr Musik. Apropos Taizé: Die Gesänge der ökumenischen Bruderschaft werden in Deutschland meist zu langsam gesungen. „Die sind nicht für Wohnzimmermeditationen geschrieben“, empört Kreuels sich. „Wer mal in Taizé war, weiß wie begeisternd es da zugeht.

Von Roland Juchem