10.06.2016

Kommentar

Sommer des Sterbens?

Ist alles wieder gut? Momentan erreichen nur wenige Flüchtlinge Deutschland. Doch die weltweite Flüchtlingslage bleibt dramatisch. Ein Kommentar von Ulrich Waschki.

Alles ist wieder gut: Seitdem die sogenannte Balkanroute geschlossen ist, hat die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, spürbar abgenommen. Keine erschreckenden Fernsehbilder mehr von Massentrecks an den Grenzen. Die Flüchtlingskrise ist bewältigt. Dieser Eindruck macht sich breit, wenn man in Zeitungen schaut, politische Diskussionen verfolgt. Doch er trügt. Zwar hat der Druck auf unsere Grenzen nachgelassen, doch die weltweite Flüchtlingslage ist nach wie vor dramatisch. Und wir lehnen uns zurück, weil die Probleme nicht mehr vor der eigenen Haustür sind. Zynisch. Zu Recht warnt der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm vor „einem Sommer des Sterbens“. 

Mehr als 200 000 Menschen sind in diesem Jahr bereits über das Mittelmeer nach Europa geflohen, schätzt das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Über 2500 haben auf dem gefährlichen Seeweg ihr Leben verloren, im Vorjahr waren es zum selben Zeitpunkt noch 1850. „Ein Sommer des Sterbens“. Und wir schauen weg. 

Deutschland – und Europa – muss dranbleiben. Weil uns die Menschen und ihre Schicksale nicht egal sein dürfen. Aus Menschlichkeit und Nächstenliebe. Aber auch aus eigenem Interesse. Eine große Lösung gibt es dabei nicht. Es sind viele kleine Schritte, die unternommen werden müssen: Flüchtlinge in Seenot retten, Schlepper festsetzen und hart bestrafen, Anlaufstellen in den Ländern jenseits des Mittelmeeres schaffen (jedenfalls dort, wo es politisch möglich ist), die Situation in Flüchtlingslagern vor Ort verbessern. Auch humanitäre Korridore, wie sie die Gemeinschaft Sant’Egidio vorschlägt, sind ein Mosaikstein. Am Ende, so banal es klingt und so schwierig es ist, hilft nur: Die Fluchtursachen bekämpfen.

Für die Menschen, die von Afrika über das Mittelmeer kommen, geht das vor allem über Entwicklungshilfe. Laut UNHCR sind dies zu 80 Prozent Menschen, die nicht vor Krieg, sondern vor Armut und Perspektivlosigkeit fliehen. Hier zeigt sich, dass Entwicklungshilfe kein „Mitleidsprogramm“ ist, sondern auch europäischen Eigeninteressen dient, weil Menschen in ihrer Heimat bleiben können und nicht nach Europa fliehen. Seit Jahrzehnten gilt das Ziel, dass 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung eines Landes in die Entwicklungshilfe fließen sollen. Deutschland steht zwar mit an der Spitze der weltweiten Helfer, hat dieses Ziel aber noch nie erreicht. 

Doch die Toten des Mittelmeeres dürfen uns nicht kalt lassen: Das Flüchtlingsdrama geht weiter und wir müssen helfen!

Von Ulrich Waschki