19.11.2013

Wie Familien Ruhe und Besinnung finden können

Stressfrei durch den Advent

Der Advent ist eine schöne, für viele Familien aber auch eine anstrengende Zeit: Überhöhte Erwartungen, Termindruck, Schulstress und Konsumrausch lassen nur wenig Raum für Ruhe und Besinnlichkeit.

 

Wer mit seinen Kindern Plätzchen backen möchte, sollte
vorher überlegen, wann und wie das im Advent möglich ist.
Foto: fotolia

Seit sechs Jahren ist der Termin fest im Kalender notiert: Das erste Adventswochenende beginnt für Raimund und Marita Wielage und ihre drei Kinder mit einer gemeinsamen Auszeit. Beim Adventswochenende für Familien treffen sie in der Katholische LandvolkHochschule Oesede im Osnabrücker Land auf Gleichgesinnte; sie basteln, singen, spielen miteinander, tauschen sich aus, besinnen sich auf die Vorweihnachtszeit und feiern entspannt Gottesdienst. „Es ist wunderschön, wir sind dann so richtig eingestimmt“, schwärmt die Mutter. Ganz bewusst nehme sich ihre Familie diese Auszeit, „damit wir mal herauskommen aus dem Alltag, mehr Zeit füreinander haben“. Der landwirtschaftliche Betrieb zu Hause lasse das leider nicht so oft zu, „Advent ist hier eine gute Zeit“, meint Marita Wielage.

Mit dem Wunsch, die Vorweihnachtszeit entspannt und besinnlich zu beginnen, ist Familie Wielage nicht allein. „Diese Familien-Wochenenden haben bei uns im Haus schon eine lange Tradition. Aber in den letzten Jahren verzeichnen wir eine verstärkte Nachfrage, so dass wir das Angebot ausgeweitet haben“, berichtet Referentin Mechthild Husmann. „Eben weil der Advent so eine hektische Zeit geworden ist, wollen die Familien bei uns bewusst einen Punkt setzen. Sie genießen es, zusammen zu sein, Kraft zu tanken und Impulse oder Ideen für die Vorweihnachtszeit wieder mit in den Alltag zu nehmen.“

Gerade Mütter sind in der Vorweihnachtszeit zu Hause stark gefordert. Nach wie vor sind meistens sie es, die das Leben in der Familie gestalten – und sich dabei zu oft unter Druck setzen: Die Wohnung soll ansprechend dekoriert sein, Selbstgebackenes die Gäste erfreuen und nebenbei muss auch noch der Familienalltag gemanagt werden. Mechthild Husmann betont: „Bei uns sind sie nicht verantwortlich, sie können abschalten und sich auch inhaltlich mit Advent und Weihnachten auseinandersetzen.“

Adventskalender sind kein Kinderkram

Keine zusätzlichen Termine in die Adventszeit zu legen und sich Schwerpunkte zu setzen, rät auch Martina Kreidler-Kos, Referentin für Frauen-, Ehe- und Familienseelsorge im Bistum Osnabrück. Um täglich einen kleinen Moment der Besinnung zu schaffen, hat die Theologin  Adventskalender für Erwachsene und auch speziell für Frauen veröffentlicht (Buchtipp: „Wunder in Sicht"). Jedes Kalenderblatt enthält ein Bibelwort und ein Wort für den Tag. Die vierfache Mutter weiß: „Gerade Mütter können morgens keine Romane lesen. Es soll ein kleiner Moment der Besinnung sein, der sich dann auch positiv auf die ganze Familie auswirken kann.“ Auch habe der Kalender einen pädagogischen Wert: „Die Kinder sehen, Adventskalender sind kein Kinderkram. Auch für Erwachsene ist es wichtig, etwas für sich selbst zu tun.“

Um dem Stress in der Vorweihnachtszeit zu entgehen, rät sie Familien, sich ganz klar zu überlegen, wie sie den Advent gestalten möchten. „Eine gute Planung ist viel wert“, betont Martina Kreidler-Kos. Denn oft entstehe Stress durch Aktionen und Wünsche, die nicht fest terminiert, sondern vor sich hergeschoben werden: Plätzchen backen, ein Weihnachtsmarktbummel: „Schöne Dinge, die die Familie unternehmen möchte, kann man frühzeitig festlegen und mit einem roten Punkt im Kalender markieren.“ Ganz wichtig dabei: Auch die Erwachsenen sollten die Adventszeit genießen und sich frühzeitig überlegen, was umsetzbar ist: „Ist vorher schon klar, dass es  stressig wird, jeden Abend eine Geschichte vorzulesen, dann sollte man das auch nicht tun, sondern sich etwas anderes überlegen.“

Advent als Wartezeit wirklich ernst zu nehmen, rät Psychologin Birgit Westermann aus Osnabrück. „Es gibt für die Kinder keine großen Besonderheiten oder Geschenke vorher, dafür Basteln, Backen, Dekorieren, adventliche Geschichten und Lieder am Adventskranz.“ Die Fantasien der Kinder sollten in der Adventszeit auf das Weihnachtsfest hin ausgerichtet werden, betont die Leiterin der Abteilung Erziehungsberatung im Therapeutischen Beratungszentrum des Bistums Osnabrück. Um Kindern Ruhe und Besinnlichkeit geben zu können, sollten aber auch Erwachsene einen Gang runterschalten: „Es muss nicht alles perfekt sein. Das Schöne an der Adventszeit ist ja, dass ich mir erlauben darf, Familie wichtig zu nehmen, dass ich mir Zeit für sie nehme, ihnen begegne, zuhöre, mit ihnen bewusst Dinge unternehme, gestalte und genieße.“ So gibt es bei Familie Kreidler-Kos die ersten Weihnachtsplätzchen immer erst am 1. Advent – dann aber feierlich, mit Kerzenschein und gemütlichem Beisammensein.

Astrid Fleute

 

Eine kleine Checkliste zum Entstressen gibt es hier