07.10.2015

Aktion der Armutskonferenz in Emden

Stricken gegen soziale Kälte

Mützen, Schals und dicke Socken: Sie helfen ganz praktisch, wenn es draußen friert. Für die „Armutskonferenz“ in Ostfriesland stehen sie zugleich als Symbol für die soziale Kälte bei uns. Um genau dieses Thema dreht sich eine Aktion in Emden.

Morgens um 9 Uhr soll die Aktion „Stricken gegen soziale Kälte am 17. Oktober im Emder Stadtgarten beginnen. Diakon Stephan Fielers hofft, dass dann viele Frauen (und Männer) mit Stricknadeln und Wollknäueln kommen. Sich hinsetzen und einfach loslegen – Mützen, Schals, Socken, Handschuhe, Pullover stricken. Eine Gruppe handarbeitserfahrener Frauen aus dem Moormerland hat schon zugesagt. Mitmachen kann aber jeder, auch spontan. „Wer Lust hat, soll einfach kommen“, sagt Fielers.

Verkauft werden die wärmenden Accessoires an dem Vormittag nicht – was fertig wird, soll später an Flüchtlinge verteilt werden. Mehr noch aber geht es der Armutskonferenz um die symbolische Geste. „In den letzten Jahrzehnten ist die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gegangen“, heißt in einer Erklärung der Initiative, zu der unter anderem der Sozialdienst katholischer Frauen und Männer, das Dekanat Ostfriesland und die Caritas gehören. „Es hat eine Umverteilung von unten nach oben gegeben.“ Materielle Armut verwehre oft die Teilhabe  an der Gesellschaft, Armut mache in mehrerer Hinsicht krank und Bildungsbarrieren verfestigen zudem die Armut.

Brigitte Klaasen macht bei der Aktion der Armutskonferenz in Emden mit.

Alles das sind Gründe, warum zum Beispiel auch Brigitte Klaassen nächste Woche mitstricken will. „Ich finde, es ist die Pflicht jedes Menschen zu helfen, wenn andere in Not sind“, sagt die 68-jährige Emderin aus St. Michael. Klaassen, die früher im Haus Simeon gearbeitet hat und sich jetzt im Kosovo-Kreis sowie als ehrenamtliche Betreuerin engagiert, spricht von der „Sinnhaftigkeit“ dieser Aktion. „Ich hoffe, das rüttelt die Leute auf und sie lassen sich anrühren vom Schicksal so vieler Bedürftiger“, sagt sie und denkt dabei zum Beispiel an wohnungslose Menschen oder gerade jetzt an die Flüchtlinge. „So könnten wir doch etwas von dem zurückgeben, was wir an Gutem bekommen haben.“ Brigitte Klaassen hat übrigens schon fleißig vorgearbeitet: Zwölf Mützen sind für die Aktion schon fix und fertig. (pd)

 

 

Die Erklärung der Armutskonferenz Ostfriesland zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut am 17. Oktober 2015 im Wortlaut:

Armut und Reichtum sind zwei Seiten einer Medaille. Wer von Armut spricht, darf von Reichtum nicht schweigen. In den letzten Jahrzehnten ist die Schere zwischen Arm und Reich – weltweit, in Deutschland wie auch regional – immer weiter auseinander gegangen. Mehr noch: Es hat eine Umverteilung von „unten“ nach „oben“ gegeben. Diesen Trend gilt es aufzuhalten und umzukehren. Es geht um eine gerechtere Verteilung der Ressourcen, Güter und Lasten in unserer Gesellschaft. Starke Schultern müssen mehr tragen. Nur so wird Solidarität – auch mit Flüchtlingen – gelebt und der soziale Zusammenhalt gestärkt.

Konkret meint dies:

Materielle Armut verwehrt Teilhabe.
Die sozialen Sicherungssysteme müssen armutsfest werden. Wir fordern eine Auseinandersetzung mit neuen Formen der Sozialen Sicherheit, etwa einem bedingungslosen Grundeinkommen. Zumindest muss das bestehende Sicherungssystem armutsfest gemacht werden, z.B. durch eine deutliche Erhöhung der Bedarfssätze in SGB II und SGB XII. Nach 10 Jahren Hartz-Reform hat sich diese als Sackgasse verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit und dauerhafter Exklusion erwiesen.3

Armut macht krank: körperlich, seelisch und sozial.
Alle Angebote des Gesundheitssystems müssen für alle Bevölkerungsgruppen zugänglich sein. Alle Frauen, Männer und Kinder müssen gut versorgt sein. Wir fordern, dass eine Bevorzugung durch eine „Zwei-Klassenmedizin“ abgeschafft wird und insbesondere Zugänge für Nichtregelversicherte, z.B. Wohnungslose, Asylsuchende, Straffällige, „Illegale“ geschaffen werden.

Bildungsbarrieren führen zur Verfestigung von Armut.
In kaum einem Land ist der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland. So gesehen reproduziert das Bildungssystem die soziale Spaltung der Gesellschaft. Dementgegen fordern wir, dass der gesamte Bildungsweg, von der frühkindlichen Bildung bis zur Hochschule, allen offen steht (Inklusion) und auf Bildungsgerechtigkeit angelegt ist. Wer mehr Förderung braucht, soll diese individuell bekommen.

Bezahlbaren Wohnraum schaffen.
In vielen Städten und Kommunen fehlt es an bezahlbarem und menschenwürdigemWohnraum. Dies führt zu sozialer Segregation. Wir fordern: Hier müssen neueWohnkonzepte entwickelt werden, auch im Blick auf alters- und behindertengerechtenWohnraum. Die soziale Wohnraumförderung (sozialer Wohnungsbau)muss gestärkt werden. Die Kosten der Unterkunft (KdU) müssen den realenMietpreisen angepasst und erhöht werden; Sanktionen dürfen Betroffene nicht in Wohnungslosigkeit treiben.

Teilhabe durch Teilnahme am Arbeitsmarkt sichern.
In den letzten Jahren ist die Prekarisierung der Arbeit durch atypische Beschäftigungsverhältnisse vorangeschritten. Diesem Trend muss entgegengesteuert werden. Deshalb meinen wir: Der Mindestlohn ist ein erster Schritt in die richtige Richtung und darf nicht verwässert werden. Es bedarf zudem weiterer Instrumente der Qualifizierung und Integration in die Erwerbsarbeit. Wo Inklusion in den „ersten Arbeitsmarkt“ nicht möglich scheint, muss über andere sinnstiftende Beschäftigungsformen nachgedacht werden, ohne dass diese schlechter entlohnt oder angesehen werden. Grundsätzlich steht eine Neubewertung der Arbeit sowie eine andere Verteilung von Arbeit in unserer Gesellschaft an!

Für die Mitglieder der Armutskonferenz:
Bündnis Arbeitssuchender Niedersachsen (BAN) / AK Soziale Gerechtigkeit Emden - Arbeitsstelle Religionspädagogik Ostfriesland (ARO) - BBS II Emden - Gleichstellungsbeauftragte Stadt Aurich - Dekanat Ostfriesland der Katholischen Kirche - DGB Ostfriesland / Nördliches Emsland - DGB Stadtverband Emden - Das Boot e.V. Emden - Ostfriesische Landschaft / Pädagogisches Zentrum - Ev.-luth. Sprengel Ostfriesland / Ev.-luth. Kirchenkreis Emden-Leer - Ev.-ref. Kirche; Synodalverband Nördliches Ostfriesland - Tagesaufenthalt Emden der Ev.-ref. Kirche - Hochschule Emden – Leer - Leeraner Tafel - Integrationsrat der Stadt Emden - DRKKreisverband Leer e.V. - Eltern- und Kinderzentrum Wackelpeter e.V. Emden - Kinderschutzbund Leer - Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt – Essen wo es hingehört DIE TAFELN -