03.09.2015

Über eine Internetseite kommen hilfsbereite Bremer und Flüchtlinge in Kontakt

Suche Gitarre, biete Livemusik

Wie finden Menschen, die ein Fahrrad oder Schulmaterial anbieten möchten, und Flüchtlinge, die genau danach suchen, zueinander? Ehrenamtliche in Bremen haben eine Internetseite entwickelt, die Angebot und Nachfrage regelt. Mit großem Erfolg.

 

Ehrenamtliche entwickelten eine gemeinsame Internetseite für Freiwillige und Flüchtlinge. Foto: Jörg Sabel

Am liebsten erzählt Lucyna Bogacki von einem Flüchtlingsmädchen. Es spielt leidenschaftlich gern Gitarre, konnte das Ins-trument aber nicht mit auf die Flucht nehmen. Eine freiwillige Helferin in einem Bremer Übergangswohnheim hörte davon und setzte ein Angebot ins Internet: „Mädchen sucht Gitarre“. Da-raufhin meldete sich eine junge Bremerin: „Ich habe eine Gitarre, kann sie aber nicht verschenken. Ich könnte aber ins Wohnheim kommen, so dass wir zu zweit spielen können.“ Gesagt, getan. Und nicht nur das. Sie sammelte so lange ihr Taschengeld, bis sich das Flüchtlingsmädchen eine gebrauchte Gitarre kaufen konnte.

„Ist das nicht toll?“ Diese Geschichte berührt Lucyna Bogacki, Bremer Koordinatorin für zivilrechtliches Engagement im Flüchtlingsbereich. Sie berichtet auch von einer Afrikanerin, der gleich drei Erstausstattungen fürs Baby angeboten wurden, von einem jungen Mann aus Eritrea, der „wunderschöne Möbel“ für seine erste Wohnung geschenkt bekam, und von einem sechsjährigen Jungen, dem jemand das Fahrradfahren beibrachte.
Für all diese Kontakte sorgt eine neue Internetseite: „Gemeinsam in Bremen“. Sie wurde eigens dafür geschaffen, dass hilfsbereite Bremer, die sich mit einer Sach- oder Zeitspende engagieren möchten und Flüchtlinge, die etwas suchen, zueinanderfinden.

Das Land Bremen erwartet 2015 etwa 5000 Flüchtlinge – doppelt so viele wie noch im Vorjahr. Die Spendenbereitschaft ist groß. Aber es ist schwierig herauszufinden, welche Familie gerade Schuhe in Größe 42 oder ein Fahrrad braucht, wer einen Kühlschrank sucht, ein Bett oder einen Schrank. „Es war immer unangenehm, den Leuten, die wissen wollten, wohin sie spenden können, sagen zu müssen: Tut mir leid, das weiß ich nicht“, berichtet Lucyna Bogacki. Zumal es in Bremen kein zentrales Lager für solche Spenden gibt.

Schließlich kam Sandra Spranger, eine Freiwillige, zu ihr mit der Idee, Angebot und Nachfrage müssten sich doch übers Internet organisieren lassen. Die beiden Frauen tüftelten an einem Konzept und machten einen Studenten der Politikwissenschaft ausfindig, der die Seite programmierte und jetzt auch ehrenamtlich betreut: Leander Muskalla. Der 23-Jährige prüft jedes Angebot und Gesuch, bevor er es online stellt. „Ein Glücksfall, dass er uns hilft“, sagt Lucyna Bogacki. „Wir hätten keinen Programmierer bezahlen können.“

Eine Volleyballgruppe freut sich über Mitspieler

Seit Juni ist „Gemeinsam in Bremen“ am Start. Und seitdem gibt es tausende Zugriffe auf die Seite. Wer etwas anbietet oder sucht, schreibt seinen Text wie an ein „Schwarzes Brett“ und hinterlässt seine E-Mail-Adresse. Für die Flüchtlinge ist es oft kein Problem, deutsche Texte mit ihren Smartphones zu übersetzen. Lucyna Bogacki findet vor allem die Zeitspenden kreativ: Eine Juristin bietet zum Beispiel an, kostenlos bei Asylfragen zu helfen und an jedem zweiten Wochenende Kinder zu betreuen. Ein junger Mann ist bereit, an seinen Montagabenden Deutsch zu unterrichten – und im Gegenzug Arabisch zu lernen. Eine Volleyballgruppe freut sich über Mitspieler, ein Sechsjähriger möchte einem gleichaltrigen Jungen gern seine liebsten Spielplätze zeigen. Und eine Musikergruppe bietet Livemusik an, „laut oder leise, mit oder ohne Gesang“.

„Ich bin wirklich glücklich, Bremerin zu sein“, sagt Lucyna Bogacki. „Hier werden Flüchtlinge gut aufgenommen, und es ist einfach überwältigend, wie viele Menschen helfen wollen. Zwar gibt es auch verhaltene Reaktionen, aber das, was an Übergriffen in anderen Bundesländern passiert, kann ich in Bremen nicht beobachten.“

Anja Sabel