02.01.2014

Für Flüchtlinge aus Syrien

Unterricht gibt es ehrenamtlich

Ohne Sprachkenntnisse in einem fremden Land – so stellt sich für viele Asylbewerber der Alltag in Deutschland dar. In Osnabrück setzen sich Ehrenamtliche für Flüchtlinge ein, die rund um die Kirche St. Joseph wohnen.

„Der Apfel, die Äpfel, der Teller, die Teller, die Tasse, die Tassen.“ Wilhelm Focke liest langsam vor und zeigt auf die Zeichnung des passenden Gegenstandes, die mit einem Projektor an die Wand geworfen wird. „Der Topf, die Töpfe.“ Es geht um Singular- und Pluralformen und darum, wie die Wörter gesprochen werden. Bei den Ausspracheregeln für Vokale zeigen sich die Tücken der deutschen Sprache. Das o ist ein o, hat es Punkte, spricht man „ö“. Weiter geht’s: u und ü, a und ä. Ä wie in Äpfel.

Wilhelm Focke zeigt und erklärt und schreibt einiges zusätzlich an die Tafel. Focke war früher Lehrer für Mathematik und Schulleiter an einem Gymnasium in Mettingen. Jetzt, als Ruheständler, gibt er ehrenamtlich Deutschunterricht für Asylbewerber im Gemeindehaus von St. Joseph. Die Flüchtlinge kommen aus verschiedenen Ländern, aus Syrien und Sudan, aus Somalia und Afghanistan. Einige von Ihnen sind mit dem Boot über Lampedusa nach Europa eingereist, andere auf anderen Wegen nach Deutschland gekommen.

Ali Sharif stammt aus Somalia. Der 18-Jährige spricht zusätzlich zu seiner Muttersprache Englisch und Türkisch, jetzt versucht er, Deutsch zu lernen. Er möchte die Sprache beherrschen, um sich möglichst gut im Land zurechtzufinden. Sharif wohnt als Alleinstehender in einer Gemeinschaftsunterkunft in Osnabrück, andere Kursteilnehmer, die mit Frau und Kindern hier sind, leben in Mietwohnungen an der Meller Straße. Solange ihr Asylverfahren läuft, haben sie keinen Anspruch auf einen offiziellen Deutschlurs für Ausländer.

„Es fehlt an allen Dingen“

Der ehrenamtliche Deutschunterricht durch Wilhelm Focke ist nur ein Teil der vielfältigen Hilfestellungen, die eine Initiative bietet, die sich rund um St. Joseph entwickelt hat. Im Gottesdienst hatte Diakon Harald Niermann dazu aufgefordert, Kleidung und Hausrat für die Flüchtlinge zu spenden, nachdem einige Gemeindemitglieder Flüchtlinge in den Unterkünften besucht und gesehen hatten, woran es mangelt. „Da fehlte es an allen Dingen“, erzählt Niermanns Frau Martina, zum Beispiel Besteck, Geschirr, Tische und Stühle. Von den 50 Euro Starthilfe für den Hausrat hätten einige sich einen warmen Pullover gekauft.

Handzettel, die verteilt wurden, riefen zur Solidarität auf. Die Resonanz war so groß, dass Diakon Harald Niermann selbst davon überrascht wurde. Die Menschen spendeten Kleidung und Haushaltsgegenstände. Vieles wird zunächst in einem ehemaligen Gemeinderaum im Pfarrhaus gelagert und dann verteilt, einiges wird noch verstärkt gesucht, zum Beispiel Nähmaschinen, die einfach zu bedienen sind, und Fahrräder. Wie sich das Wirken der Nachbarschaftsinitiative in diesem Jahr entwickeln werde, müsse man abwarten, sagt Diakon Niermann. „Wir wollen keinem ins Gehege kommen.“ Die Stadt Osnabrück hat inzwischen beschlossen, zwei Sozialarbeiter einzustellen, die sich um die Flüchtlinge kümmern sollen. Viele von ihnen seien durch die Umstände ihrer Flucht traumatisiert, sagt Martina Niermann.

Andrea Kolhoff