25.06.2013

Katholische Studentenverbindung auf Japanreise

Verbeugen – reden – verbeugen

Ein Empfang beim japanischen Kronprinzen? Das klingt noch unwahrscheinlicher als die Tatsache, dass es in Japan eine katholische Studentenverbindung gibt. Der Bremer Architekturstudent Marius Nortmann hat eine besondere Reise erlebt.

 

Mitglieder katholischer Studentenverbindungen besuchten die AV Edo-Rhenania. Foto: privat

Mit dem zukünftigen japanischen Kaiser zu sprechen – das ist „Normalsterblichen eigentlich nicht möglich“, sagt Marius Nortmann. Dennoch gehörte der Architekturstudent im vierten Semester zu den Auserwählten. Entsprechend bereitete sich die Gruppe aus Deutschland auf die Audienz vor: Verbeugen – Rede – verbeugen – Tee wird gereicht – Einzelgespräche – Hände schütteln – Kekse – verbeugen. „Nichts wird dem Zufall überlassen“, beschreibt Nortmann. Punkt 15 Uhr betrat Kronprinz Naruhito fast geräuschlos den Raum, ging auf die Studenten zu, sprach kurz mit jedem, fragte nach dem Studienfach und den ersten Eindrücken der Japanreise.

Marius Nortmann war aufgeregt – zumal seine Gedanken noch immer um die Worte einer Dame des Hofamtes kreisten: „Direkter Augenkontakt ist zu vermeiden.“ Und: „Nur der Kronprinz stellt Fragen, es dürfen unter keinen Umständen Rückfragen gestellt werden.“

Wie kam es überhaupt zu der Ehre, vom japanischen Kronprinzen empfangen zu werden? Nortmann ist Mitglied der katholischen Studentenverbindung K.T.V. Visurgis zu Bremen. Deren Dachverband unterhält freundschaftliche Kontakte zur AV Edo-Rhenania in Tokio. Und das japanische Pendant wiederum hat einen guten „Draht“ zum Kaiserhaus.

Einige Cartellbrüder in Japan lassen sich sogar taufen

Eine katholische Studentenverbindung – das ist ungewöhnlich in einem Land, in dem sich nur etwa ein Prozent der Menschen zum Christentum bekennt. Die Idee brachte vor über 50 Jahren ein junger Japaner mit, der in Deutschland studierte und in einer katholischen Gastfamilie in Köln lebte (siehe auch „Zur Sache“). Heute sei die AV Edo-Rhenania eng mit der von Jesuiten geleiteten Tokioter Universität verbunden, erklärt Marius Nortmann. Es würden Gottesdienste gefeiert, und einige Cartellbrüder ließen sich sogar taufen. Zum 50. Stiftungsfest der AV Edo-Rhenania reisten auch Mitglieder der CV-Verbindungen Bremen und Braunschweig nach Japan. Mit dabei war Pastor Volker Kupka als geistlicher Beirat der Visurgis. Er zelebrierte mit den Jesuitenpatres in Tokio die heilige Messe.

Und natürlich sei die deutsche Delegation auch vom Kanzler der Universität begrüßt worden, sagt Tim Goydke. Der Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Japans an der Hochschule Bremen hat nicht nur das Japanprogramm vorbereitet, sondern ist zugleich Vorsitzender und Alter Herr der Bremer Studentenverbindung.

Goydke kennt Japan bereits in- und auswendig – im Gegensatz zu Marius Nortmann, der zum Beispiel begeistert von der alten Kaiserstadt Kyoto erzählt. „Wenn ein Japaner wissen möchte, wo seine Wurzeln sind und wo er herkommt, dann reist er nach Kyoto und schaut sich die Stadt an.“ Nortmann, der sich auf Wirtschaftsarchitektur spezialisiert, schätzt das weltweite Netzwerk des Cartellverbandes (CV). Davon wird er auch bei seinem nächsten Abenteuer profitieren – einem Auslandssemester in Indien.

Manchmal ärgern den Verbindungsstudenten die Vorurteile. „Ich bin schon nach meinem Ariernachweis gefragt worden“, sagt er. Dabei hätten sich gerade die katholischen Studentenverbindungen bewusst gegründet, um sich von den schlagenden Burschenschaften abzugrenzen. „Wir sind so bunt wie unsere Pfarrgemeinden“, ergänzt Tim Goydke. In Indien unterstützt die Visurgis ein Hilfsprojekt: Sie übernimmt Patenschaften für Kinder und finanziert ihnen den Schulbesuch.

Anja Sabel

 

 

Hintergrund

Die K.T.V. Visurgis zu Bremen ist eine farbentragende und nichtschlagende katholische Studentenverbindung. Dachverband ist der Cartellverband (CV) der katholischen deutschen Studentenverbindungen. Als einziger studentischer Verband pflegt der CV Kontakte in Tokio – zur Edo-Rhenania. Sie feierte in diesem Jahr ihr 50. Stiftungsfest. Vor über 50 Jahren kam Yujiro Shinoda zum Studium nach Köln und wurde in die Akademische Vereinigung (AV) Rheinstein aufgenommen. Der junge Japaner war das erste nichtdeutsche Mitglied einer CV-Verbindung – was damals noch heftig diskutiert wurde. Zurück in Tokio, gründete er nach deutschem Vorbild 1963 die AV Edo-Rhenania.
Ende Mai 2013 fand die Jahresversammlung des CV erstmals in seiner 150-jährigen Geschichte in Norddeutschland statt. Es trafen sich etwa 2000 Delegierte und Mitglieder von CV-Verbindungen aus ganz Deutschland in Braunschweig.