27.05.2014

Großneffen von Pfarrer Görsmann setzen sich für Ehrung ein

Verbotener Kontakt zu Gefangenen

Der Gellenbecker Pfarrer Gustav Görsmann hat sich um französische Kriegsgefangene gekümmert. Er wurde von den Nationalsozialisten verhaftet und starb später im Konzentrationslager Dachau. Sein Großneffe Peter Recker möchte eine Ehrung Görsmanns in Frankreich erreichen.

 

Treffen in Gellenbeck: Johannes Brand, der verschiedene Bücher über Gustav Görsmann verfasst hat, und die Großneffen des Pfarrers, Peter Recker (Mitte) und Lothar Recker (rechts) Fotos: Andrea Kolhoff

Der Einband des Büchleins ist braun, das Papier vergilbt, die Aufmachung schlicht. „Sag’s auf Französisch“ heißt das Wörterbuch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das Titelbild zeigt einen deutschen Soldaten, der zwei Frauen und einem Mann mit Baskenmütze eine Anweisung gibt. Doch dieses Exemplar des Wörterbuchs gehörte keinem deutschen Soldaten, wie Peter Recker zunächst annahm. Es ist das Wörterbuch, das Pfarrer Gustav Görsmann 1940 kaufte, um sich besser mit den französischen Kriegsgefangenen in Gellenbeck verständigen zu können.

Peter Recker ist der Großneffe von Pfarrer Görsmann. Er lebt seit 25 Jahren in Frankreich und hat das Wörterbuch in einer Kiste aus dem Nachlass seiner Eltern gefunden. Seine Frau nahm es in die Hand und blätterte darin. Heraus fielen zwei Zettel, auf denen Pfarrer Görsmann sich Vokabeln notiert hatte, die er für seine Gespräche mit den französischen Kriegsgefangenen nützlich fand. Die Vokabeln „bien portant“ (gesund) und „malade“ (krank) hat er ebenso herausgeschrieben wie die Begriffe „tout homme“ (jeder Mensch), „je crois“ (ich glaube) und „se confesser“ (beichten).

Als Peter Recker das Wörterbuch fand, kehrten die Erinnerungen an Erzählungen über seinen Großonkel zurück. Recker, der 1943 geboren ist, hatte als Jugendlicher seine Eltern nach der NS-Zeit gefragt. Um ihm zu erläutern, wie schwierig es gewesen sei, in Hitlers Terrorstaat Widerstand zu leisten, hatten sie ihm vom Schicksal des Priesters Görsmann erzählt. Dieses Schicksal stellte Peter Reckers Tochter später im Geschichtsunterricht in ihrer französischen Schule vor, als die Mitschüler aufgefordert waren, in der Familie nach einer Beteiligung am französischen Widerstand zu forschen. Ihr Beispiel aus Deutschland über Widerstand gegen die Befehle des NS-Regimes weckte großes Interesse.

Kriegsgefangene nannte er „meine Brüder"

Nun ist Peter Recker bemüht, das Wirken Gustav Görsmanns in Frankreich noch bekannter zu machen. Sein Ziel: Dder französische Staat soll dem Priester posthum eine Ehrung zuteil werden lassen. Um mehr Fakten über seinen Großonkel zusammenzutragen, kam er auf Spurensuche nach Gellenbeck, begleitet von seinem Cousin Lothar Recker. Sie trafen sich mit Vertretern der Gemeinde Hagen, Heimatforschern und Mitgliedern des Kapellenvereins zu den sieben Schmerzen Mariens, der das Andenken an Pfarrer Görsmann hochhält.

In dieser Runde dabei war auch Hermann Sandkämper, der in Gellenbeck noch einmal in  Sachen Kriegsgefangene recherchiert hat. Sandkämper, der  von Gustav Görsmann getauft wurde, war elf Jahre alt, als die französischen Kriegsgefangenen im Ort auftauchten. Es seien etwa 20, 25 Männer gewesen, die in einer Sammelunterkunft übernachteten und morgens zu ihren Einsatzstellen gebracht wurden. Sie arbeiteten bei den großen Bauern Gellenbecks sowie beim Müller in Hagen und Gellenbeck und beim Kohlenhändler. Sonntags seien die Franzosen zur Kirche gegangen, von einem Posten bewacht.

Pfarrer Görsmann war die Seelsorge für die Franzosen ein besonderes Anliegen. Wenn er bei Rundgängen durch den Ort einen französischen Gefangenen bei der Feldarbeit traf, sprach er ihn an. Die Einladungen zur Messe hat der Pfarrer selbst auf Französisch verfasst und er redete die Kriegsgefangenen darin als „meine Brüder“ an. Dieses wurde dem Priester nach seiner Verhaftung 1941 zum Vorwurf gemacht. Auch die Tatsache, dass er eine Messe mit ihnen gefeiert hatte, noch bevor die Genehmigung durch die Behörden vorlag, war Teil der Anklage. Görsmann wurde am 12. April 1941 zu vier Wochen Gefängnis wegen verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen verurteilt, die Untersuchungshaft angerechnet.

Palmsonntag war Pfarrer Görsmann wieder in seiner Gemeinde. Aber im Juni 1941 holte ihn die Gestapo ab. Der 67-jährige Görsmann wurde in Osnabrück zu Aufräumarbeiten auf Trümmergrundstücken herangezogen. Da in Aussicht gestellt war, Pfarrer Görsmann würde freikommen, wenn er in den Ruhestand trete, wurde Kaplan Heinrich Kirchner am 28. September 1941 als neuer Pfarrer in Gellenbeck eingeführt. Am selben Tag wurde Görsmann in das Konzentrationslager nach Dachau gebracht.

Andrea Kolhoff

 

 

Zur Person
 

Glasfenster mit dem Porträt Gustav Görsmanns, zu sehen in
der Siebenschmerzenkapelle.

Gustav Görsmann wurde am 29. September 1873 in Osnabrück geboren. Nach dem Abitur studierte er Theologie in Freiburg und Münster. Am 25. September 1898 wurde er in Osnabrück zum Priester geweiht. Er war  Vikar in Bremen und Kaplan in Wellingholzhausen. Zum 1.Dezember 1915 wurde Gustav Görsmann Pfarrer der Kirchengemeinde St. Marien Gellenbeck. Einige Jahre lang betreute er im Pfarrhaus die drei Söhne seiner Schwester Elisabeth: Wilhelm, Gustav und Peter, die zu ihm aufs Land geschickt worden waren. Sie gingen in Gellenbeck und Osnabrück zur Schule.

Am 7. März 1941 wurde Pfarrer Görsmann erstmals verhaftet, am 27. Juni ein zweites Mal und im September 1941 in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Dort starb er am 15. September 1942. – Der erste „Stolperstein“ in der Gemeinde Hagen wurde für Pfarrer Görsmann verlegt.