19.12.2012

Märchen

Von Antihelden und starken Frauen

Lange dunkle Winternächte: Da passt es, zusammenzusitzen und Geschichten zu lauschen. Deshalb hieß es in Bremen: „Es war einmal …“. Märchenerzähler Heinrich Dickerhoff sorgte mit seinen Erzählungen für Spannung, Heiterkeit – und für einen neuen Blick auf Märchen.

 

Den Trubel des Weihnachtsmarktes blenden die jungen Leute an diesem Abend aus. Bei Punsch, Spekulatius, Lebkuchen und Kerzenschein sitzen sie mit Heinrich Dickerhoff, dem ehemaligen Präsidenten der Europäischen Märchengesellschaft, in gemütlicher Runde zusammen. Sie tauchten ein in die „Anderswelt“ der Märchen. Mehr als einen Stuhl, eine Harfe und eine kleine Holzkiste benötigt Dickerhoff nicht, um die Zuhörer in den Bann seiner Geschichten zu ziehen. Am liebsten mag er alte keltische und nordische Märchen. Früher, sagt er, hätten sich Erwachsene untereinander mit Märchen unterhalten. Märchenerzähler wurden für diese Dienste bezahlt. Vorausgesetzt, die Märchen wurden gut und spannend vorgetragen. Schließlich wollte sich niemand langweilen. Dickerhoff selbst will erreichen, dass seine Zuhörer ihre eigenen Bilder entwickeln – Kopfkino sozusagen.

Märchenerzähler lesen Märchen nicht vor, sie erzählen sie. Von den rund 100 Märchen, die Dickerhoff erzählen kann, stellt er vier vor. Der Bursche, der keine Geschichte kannte, ist der Held des ersten Märchens. Es handelt sich um eine Geschichte, die schon seit 1000 Jahren in Irland von Generation zu Generation weitererzählt wird: Paddy Ahern, ein einfältiger Bauernjunge, hat in den geselligen Abend-runden keine tollen Geschichten zu bieten, weil sein Leben so einfach ist wie er selbst. Doch dann übernachtet er in einem Haus und erlebt die gruseligste Nacht seines Lebens. Am Morgen weiß er nicht, ob er geträumt hat oder nicht. Der Gastgeber meint beim Abschied nur schmunzelnd. „Hast du nun nicht eine schöne Geschichte zu erzählen?“
 

Märchenerzähler Heinrich Dickerhoff. Foto: Steffen Bach

Brautbett – eine Metapher für das Erwachsenwerden

Oft seien Märchen mit den Träumen verwandt, hätten surreale Elemente, erklärt Dickerhoff. Typisch an dem Märchen über Paddy sei, dass ein Antiheld sein Leben in die Hand nehme – und natürlich, dass das Abenteuer ein gutes Ende nehme. Die Erfüllung unerfüllbarer Wünsche, die Erlösung aus einer ausweglosen Situation seien Elemente, die in Märchen immer wieder auftauchten.
Im zweiten Märchen ist das Brautbett der Ort, an dem die verwunschene Prinzessin erlöst wurde. Auch dies ist ein Bild, dass sich in den Märchen immer wieder findet. Das Brautbett ist so auch eine Metapher für das Erwachsenwerden.

In den bekannten Märchen der Brüder Grimm gibt es manche „biedermeierlichen Männerfantasien“, wie zum Beispiel die Erlösung Schneewittchens durch den Prinzen, der sie wachküsst. In den älteren Märchen sind dagegen auch starke Frauen zu finden. Dass die Botschaften häufig autoritätskritisch sind, wird deutlich als Dickerhoff ein italienisches Märchen erzählt, in dem ein Pastor das Opfer seiner Gier wird und sich zum Gespött der Gemeinde macht. Nach 90 kurzweiligen Minuten sind die jungen Zuhörer auf den Geschmack gekommen. Dickerhoff verabschiedet sich mit dem Hinweis, dass an der Katholischen Akademie Stapelfeld, deren Pädagogischer Leiter er ist, regelmäßig Märchenseminare stattfinden.

Steffen Bach

 

Termin

„nAcht“ oder eben „nach Acht“ ist eine monatliche Reihe für junge Erwachsene. In Bremen, Osnabrück und Lingen treffen sich junge „nAcht-Schwärmer“ jeweils am 8. Tag eines Monats, um einen Abend mit wechselnden Themen zu verbringen. Die nächste Veranstaltung in Bremen ist am 8. Januar in der Kunsthalle. Anlässlich der Hundertwasser-Ausstellung stehen Werk und Denken des Künstlers im Mittelpunkt. Beginn ist um 20 Uhr.